„Der Junge sieht nüscht“ oder: Fortsetzung in Sachen Urknall

Unter dem Titel „Blindlinks ins Abenteuer“ hatte ich im September 2019 meinen ersten Versuch zum Schreiben eines Romans gestartet, bin dann allerdings beim Urknall hängen geblieben. Nun ist mir der Urknall wie üblich völlig ungeplant mal wieder in die Hände gefallen und zwar in Form einer Rückbesinnung auf meine frühe Kindheit. Damals, im Jahre 1953, fand nämlich ein Urknall als eine Art Erweckungserlebnis für meine Familie und mich statt. Vorher hatte nämlich einschließlich meiner damals noch sehr winzigen Person kein Mensch bemerkt, dass ich so gut wie nichts sehen konnte. Glaubt mir heute zwar niemand, ist aber plausibel: Einem kleinen blind geborenen Kind fällt das Fehlen der Sehfähigkeit nicht auf, weil es gar nicht weiß, was Sehen ist. Es lernt sich mit Hilfe der anderen Sinne gut und zielstrebig zu orientieren. Das klapp prima – selbst der Griff nach dem Fläschchen ist bald Routine. Und wenn das blinde Kind beim herum balgen nicht ganz unabsichtlich im schlammigen Graben landet, ist das kein Hinweis auf die fehlende Sehfähigkeit, weil die sehenden Kinder ebenfalls den Weg in den Matsch gefunden haben. Da muss schon ein spezielles Ereignis her, um die Erwachsenen zu der lakonischen Aussage zu verleiten die da lautet: „Der Junge sieht nüscht.“

Dieses Ereignis kam – und zwar in Gestalt von zwei Brauereipferden, die in den frühen Fünfzigerjahren in Berlin noch zum normalen Straßenbild gehörten. Die zogen eine Bierkutsche mit leeren Fässern die Rollbergstraße hinauf, an deren oberen Ende seinerzeit noch die Kindl Brauerei den holden Gerstensaft produzierte. An dem hatte ich damals noch kein Interesse – dafür aber an den Gäulen. Also ging ich auf sie zu um sie mal anzufassen, wie ich es schon mehrmals getan hatte auf Onkel Georgs Hof im Harz. Ich wusste also, wie sich Pferde anfühlen und hatte schon auf ihnen gesessen, wenn Onkel Georg beim Heu machen war.

Die Pferde, denen ich jetzt begegnete, waren jedoch ein anderes Kaliber als Onkel Georgs eher leichtgewichtige Isländer. Das bemerkte ich aber erst, als ich am Boden lag und eines der Pferdebeine umklammerte. Die waren dick wie Säulen und standen wie fest gemauert auf der Erde. Nein, diese Kaltblüter hatten mich keineswegs umgerannt, sondern waren stehen geblieben als ich versuchte, sie an der Trense zu packen. Das hatten sie genau wie ich so gelernt und das funktionierte auch tadellos. Nur war ich bei dem Versuch aufgrund meiner zu geringen Größe gestolpert und den Gäulen genau vor die Hufe gefallen. Da standen die Gäule allerdings schon und so gab es für mich zunächst auch keinen Grund, besonders erschrocken zu sein. War schließlich nichts weiter passiert, außer dass ich mir ein bisschen die Knie demoliert hatte. Kam aber öfter vor und war daher Gewohnheit.

Das plötzlich einsetzende Gebrüll der Erwachsenen machte mir dann aber doch Angst und ich versuchte mich mal wieder aus dem Staub zu machen. Gelang mir aber nicht, weil mich alle möglichen Hände packten und an mir herum zerrten. Jetzt fing ich auch an zu brüllen und das konnte ich damals schon sehr gut. Dafür bekam ich ein paar gelangt, aber offenbar nicht von meinen Eltern. Das hätte mich auch gewundert, denn solche Erziehungsmaßnahmen gehörten nur ganz am Rande zu ihrem Repertoire. Außerdem hörte ich ganz deutliche die wütende Stimme meiner Mutter die zu irgendjemand sagte:

„Du Arschloch. Wenn du meinen Jungen noch mal anrührst, hau ich dir ’n Paar aufs Maul.“

„Gib nicht so an du Zwergentante“, antwortete eine knurrige Männerstimme. Das nahm meine Mutter wohl zum Anlass, ihre Drohung in die Tat umzusetzen. Ich hörte es einige Male klatschen und schon war offenbar die schönste Keilerei im Gange.

Um mich kümmerte sich keiner mehr sodass ich endlich unerkannt entkommen konnte. Zuflucht fand ich bei Onkel Max im Tabakladen. Der gab mir erst mal ein bisschen Schokolade und frage dann:

„Wat is’n los da draußen?“

„Mama hat ’nem Kerl aufs Maul jehau’n.“

„Und wat hast du ausjefressen?“

„Nüscht.“

Wie sich die Keilerei schließlich wieder auflöste, weiß ich nicht. Angeblich soll der Bierkutscher seine Peitsche geschwungen haben woraufhin alle das Weite gesucht hätten. Später hockten dann einige Leute einschließlich meiner Eltern im Hinterzimmer von Onkel Maxens Laden um sich ein Beruhigungsbier zu genehmigen. Und dann kam dieser lapidare Satz von wem auch immer:

„Ick gloob, der Junge sieht nüscht.“

Anschließend lange Zeit betretenes Schweigen. Mir aber ging es gut – wie immer. Schließlich war Schokolade da.

Und warum war das ein Urknallerlebnis? Nein – nicht weil ich den Gäulen für die Hufe gefallen war, sondern weil für mich urplötzlich ein völlig neues Leben begann. War ich nämlich bis dahin immer nur zwischen den Dorf im Harz und Berlin gependelt, ging es nun auf eine lange Tour von Augenklinik zu Augenklinik und schließlich weit hinaus in die ganze Welt. Und da es den Augenärzten im Laufe der Jahre gelang, mir einen leichten, aber immerhin stabilen Hauch von Sehfähigkeit zu verpassen, habe ich allmählich sogar gelernt, die zarten visuellen Eindrücke ein Stück weit zu interpretieren. Für mich ist das Sehen – für einen Sehenden ist das nüscht. Als Sehrest möchte ich das übrigens auch nicht bezeichnen, denn das würde ja bedeuten, dass vorher viel da war, wovon ein Rest geblieben ist. Bei mir ist das umgekehrt: Zuerst war fast nüscht – und nun ist ein klein Bisschen was da. Ein klein Bisschen ist aus der „fast nüscht Perspektive“ schon eine ganze Menge.

Übrigens heißt fast nüscht keineswegs schwarzblind, sondern nebelblind. Daher konnte ich vor meiner operativen Erweckung zum schwach sehenden Menschen immerhin das Grauen des Morgens erkennen – wobei dieses den ganzen Tag anhielt bis es dunkel wurde. Dann war der graue Nebel weg. Insofern lagen die Leute mit ihrer Bemerkung „der Junge sieht nüscht“ etwas daneben. Aber so sind die Sehenden – sie sehen zu viel und haben daher für die Feinheiten im diffusen Grenzbereich zwischen starker Sehbehinderung und völliger Blindheit keinen Blick.

So – jetzt muss ich aber wirklich erstmal rüber zu der Kleenen. Sonst kommt der Gerichtsvollzieher wirklich noch dazwischen. Ist zwar schade um den Kuchen, den der Junge bestimmt wieder dabei hat. Doch die Kleene hat natürlich oberste Priorität. Schließlich hätte es ohne sie niemals jene geheimnisvolle Besucherin gegeben, die hin und wieder durch einige meiner Storys geistert. Sie ist bestimmt so was wie meine Muse und ich wohl auch die ihre. Gibt es überhaupt eine männliche Muse oder heißt das dann Muser? Ach, das ist doch alles Quatsch. Wir beide inspirieren uns eben gegenseitig – meistens zum Unsinn machen. Und davon haben wir schon jede Menge produziert, seit wir uns vor 17 Jahren zum ersten Mal in einer Runde sächsischer Bergsteiger gesehen hatten. Obwohl das im wörtlichen Sinne gar nicht stimmt, denn sie ist, was das Sehen angeht, ähnlich gebacken wie ich. Und wenn wir uns am kalten Buffet nicht gegenseitig angerempelt hätten – auch so ein Urknall, durch den mir der Kartoffelsalat vom Teller rutschte – wäre diese produktive Konstellation in Sachen Unsinn machen niemals entstanden. Doch dazu kommen wir später…

2 Gedanken zu “„Der Junge sieht nüscht“ oder: Fortsetzung in Sachen Urknall

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