Walter-Serner-Preis für Kurzgeschichten ausgeschrieben

IMG_2108Das ist was richtiges für den Großstadtwanderer: Unter dem Motto „Leben in den großen Städten“ loben rbb Kulturradio und das Literaturhaus Berlin auch in diesem Jahr wieder den Walter-Serner-Preis aus. Autorinnen und Autoren, die passende Kurzgeschichten auf Lager haben sind eingeladen, diese bis zum 30. September 2016 einzusenden – allerdings nur unveröffentlichte. Der Preis ist mit 5.000 € dotiert und wird am 9.12. im Roten Salon der Volksbühne Berlin verliehen. Das Kulturradio vom rbb zeichnet die Gewinnergeschichte auf und sendet sie in seinem Programm. Weitere Infos beispielsweise zu den Teilnahmebedingungen gibt es hier… 

Zu Walter Serner

Der 1889 in Karlsbad geborene Schriftsteller Walter Serner gilt als literarisches Enfant terrible und brillanter sozialer Beobachter. Der Jurist jüdischer Herkunft machte sich vor allem durch seine Kriminalgrotesken einen Namen. Seit Ende der 1930er Jahre lebte er als Lehrer in Prag. 1942 wurde er mit seiner Frau ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, von dort weiter in den Wald von Biíernieki bei Riga. Dort wurden Walter und Dorothea Serner im August 1942 erschossen.

Wenn Literatur auf Fußball trifft: Vier neue Bücher zum Rummel ums Runde

Fußball Fußball auf allen Wellen und Ebenen, niemand scheint der EM entkommen zu können. Selbst wenn man nicht im schwarz-rot-goldenen Modus der Partypatrioten tickt, lässt einen die feiernde oder sich ärgernde Fan Community kaum die Chance, an spannendere Seiten des Fußballs zu denken – beispielsweise an die Verbindung von Fußball und Literatur. Gemeint sind damit jedoch nicht die üblichen Fußballbücher, sondern Romane zu und über dieses Thema. Hier nun drei entsprechende Titel aus dem Berliner Verbrecherverlag, sowie ein vierter, der bald ebenfalls dort nach der EM erscheint.

1.

Pokalfinale“ Roman von Andreas Rüttenauer Broschur,128 Seiten, 12 €, ISBN: 9783935843249

In „Pokalfinale“ geht es nicht um Fußballer, sondern um die Fans. Ganz spezielle Fans. Ostdeutsche Hooligans treffen auf süddeutsche Möchtegern-Prolos. Diese jungen Männer wissen alles über ihre Mannschaft, Bier, Autos, Frauen und Ausländer. In „Pokalfinale“ wird das Innenleben der Fans mitsamt ihrem Männlichkeitswahn ausgestellt, hier reden diese Männer, wie diese Männer reden. Sie sind die Größten, die Besten, sie gewinnen stets. Ihre Umgebung aber, die muss ausgelacht werden. Weil das Spaß macht.

Es sollten dem Leser und Fußballfreund einige der hier geschilderten Männerrituale durchaus bekannt vorkommen. Daher: Durchaus das ideale Buch für die nächste Auswährtsfahrt.“ ballesterer

2.

Ruhm und Ruin. Roman in elf Geschichten“ von Imran Ayata Hardcover, 200 Seiten, 19 €, ISBN: 9783957321251

In „Ruhm und Ruin“ erzählt Imran Ayata davon, dass Fußball das Leben ist – für Spieler, Schiedsrichter, gescheiterte Jahrhunderttalente, aktive Ehrenamtliche im Verein und einen ganzen Stadtteil.

Im Zentrum des Romans steht ein türkischer, ehemals ziemlich erfolgreicher Kiezklub. Er verkörpert die Hoffnung (oder gar Utopie) der Migranten auf ein besseres Leben in einer urdeutschen Domain: dem Vereinswesen. Doch zwischen politischen Ansprüchen, dem Profifußball und den Ambitionen Einzelner werden viele Hoffnungen und Träume zerstört.

Integrationsdebatte hier, ‚Multikulti ist tot‘ dort: die Medien sind voll von diesen Themen. Es fällt wirklich schwer, sich bei dieser geballten Oberfläche eine gute eigene Meinung zu bilden. Was dabei helfen kann? Dieses Buch!“ Jörg Petzold / FLUX.FM

3.

Zidane schweigt. Die Équipe Tricolore, der Aufstieg des Front National und die Spaltung der französischen Gesellschaft“ von Frédéric Valin. Nur als E-Book in allen einschlägigen Stores erhältlich (Epub / Mobipocket, 2,99 €).

Ein Essay über die französische Nationalmannschaft, ihre Bedeutung als Vertreterin des Multikulturalismus und über den Aufstieg des Front National, der sich an dieser Mannschaft abarbeitet. Gerade in Tagen wie diesen, in denen sich hierzulande die AFD über die Nationalmannschaft und ihre Spieler erregt, ein wichtiger Text. Zugleich ist dieses E-Book der erste Band der neuen Reihe „Edition Elektrobibliothek“.

4.

Schweine befreien“ Roman von Jens Kirschneck Broschur, 260 Seiten, 14 €, ISBN: 9783957321978 Erscheint im September 2016

Grabowski, 35, Teilzeitjournalist und semiprofessioneller Trübsalbläser, hat ein Problem. Nein, einen Sack voller Probleme! Ist er im Suff versehentlich Zeuge eines perfiden Verbrechens geworden? Oder ist es jetzt schon so weit, dass er sich ins Delirium getrunken hat? Und warum taucht an jeder Ecke seine Exfreundin mit diesem furchtbaren Künstler auf? Und woher kommen die Schmerzen? Bei seinem Versuch, zumindest dem vermeintlichen Verbrechen auf den Grund zu gehen, stößt er auf merkwürdige Vorgänge beim örtlichen Fußballklub. Etwas stimmt nicht beim FC Teutonia. Volker Wunsch, der stets joviale Manager, wirkt plötzlich sehr angespannt, Machtkämpfe toben auf allen Ebenen, und woher kommen nur die ganzen exjugoslawischen Spieler? Die Spur führt bis nach Kroatien, wo die Dinge endgültig aus dem Ruder laufen.

Na dann viel Spaß beim Lesen falls der Rummel ums Runde genügend Mußestunden übrig lässt. Oder auch in den Pausen. Außerdem gibt’s ja auch noch die Zeit danach…

 

Klassiker in neuem Gewand: Unendliche Geschichte als Hörspiel gewinnt Deutschen Hörbuchpreis

Der diesjährige Gewinner des Deutschen Hörbuchpreises in der Kategorie „Bestes Kinderhörbuch“ ist ein Klassiker in völlig neuem Gewand voller Klang, Musik und Phantasie. Es handelt sich dabei um „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende als Hörspielfassung, von der die Kinderjury offenbar restlos überzeugt war. Den Preis erhalten die Regisseurin Petra Feldhoff und die Bearbeiterin Ulla Illerhaus (beide WDR).

Diese Story fasziniert Leser, Hörer und Zuschauer seit fast vierzig Jahren. Der schüchterne Bücherwurm Bastian Bux entdeckt beim Antiquar ein Buch mit dem geheimnisvollen Titel „Die unendliche Geschichte“. Es erzählt vom Reich Phantásien, das durch die Krankheit seiner Kindlichen Kaiserin bedroht ist. Bastian, der das Buch förmlich verschlingt, wird bald selbst Akteur dieser Geschichte: Mit dem Jungen Atréju und dem Glücksdrachen Fuchur begibt er sich auf eine abenteuerliche Reise, um Phantásien vor dem Nichts zu retten.

Obwohl es schon Lesungen und Filme des Titels gibt, waren die Kinder der Jury von der klangvollen und intensiven fünfstündigen Hörspielumsetzung fasziniert. „Eine solche Phantasiewelt sollte man eher hören als lesen, das kann man sich dann noch besser vorstellen“, sagt die elfjährige Nele. Vergeben wird der 14. Deutsche Hörbuchpreis am 8. März 2016 im WDR Funkhaus Köln.Wie in den Vorjahren ist die Preisverleihung zugleich Eröffnungsveranstaltung des internationalen Kölner Literaturfestes lit.COLOGNE.

Ausschreibung SOS-Kinderliteraturpreis zum Thema Gerechtigkeit

München (ots) – Bereits zum dritten Mal schreiben die SOS-Kinderdörfer weltweit den SOS-Kinderliteraturpreis aus. Gesucht werden Autorinnen und Autoren, die Geschichten für drei- bis siebenjährige Kinder schreiben zum Thema: „Ist das gerecht?“ Als erster Preis winkt eine Reise ins SOS-Kinderdorf Bakoteh, Gambia. Zuletzt gewann Maike Haas mit ihrer Geschichte „Räuberfreundin“, die anschließend in der Anthologie „Zur guten Nacht“ (Tulipan-Verlag) veröffentlicht wurde.

Die Ausschreibung 2016 ist dem Thema „Gerechtigkeit“ gewidmet, die Frage „Ist das gerecht?“ beschäftigt Kinder im Vorschulalter besonders stark. Fairness, Teilen und die Regeln, nach denen ein gerechtes Miteinander funktioniert, sind für Eltern und Erzieher nicht einfach zu vermitteln. Mit Erzählungen und Geschichten lässt sich dieses komplexe Thema Kindern leichter erklären. Denn Kinder erkennen sehr schnell, ob jemand benachteiligt wird oder Rechte hat, die anderen nicht zugestanden werden. Da viele Kinder weltweit um ihre Rechte betrogen werden, ist Gerechtigkeit auch für die SOS-Kinderdörfer ein wichtiges Anliegen.

Autorinnen und Autoren, die bereits veröffentlicht haben, können ihre Geschichten bis 1.3.2016 an kinderliteraturpreis@sos-kd.org mailen. Im März werden die fünf besten Geschichten einer Jury vorgelegt. In der Jury sitzen Andreas Steinhöfel (Schriftsteller, Autor von „Rico und Oskar“), Marie-Luise Lewicki (Chefredakteurin ELTERN und ELTERN family), Christine Paxmann (Herausgeberin der Kinderliteraturzeitschrift „Eselsohr“) und Mascha Schwarz (Verlegerin Tulipan-Verlag).

Die besten Geschichten werden von Andreas Steinhöfel auf CD gelesen. Mehr Informationen gibt’s wie üblich hier…

Buch über Hugo Ball und das 100. Dada Jubiläum von Thilo Bock

Am 5. Februar 1916 begann im Zürcher Amüsierviertel eine Revolution, die allerdings nichts mit einem gewissen Lenin zu tun hatte, der ebenfalls alldorten auf seinen großen Auftritt wartete. Vielmehr hatte sich eine Gruppe junger Künstler aus halb Europa im Hinterzimmer einer Bierwirtschaft versammelt um ordentlich auf die Pauke der Avantgarde zu hauen. Eingeladen hatten Emmy Hennings und Hugo Ball – sie Sängerin und Muse der Schwabinger Vorkriegsboheme, er ehemaliger Dramaturg an den Münchner Kammerspielen und aufstrebender Dichter. Gekommen waren u. a. Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Hans Arp.

Dieses Ereignis mit nachhaltiger Wirkung bis in unsere Tage war auch die Eröffnungsveranstaltung des Cabaret Voltaire. Zwar gab es den Laden nur fünf Monate lang – doch in dieser kurzen Zeit wurde er zum Hotspot der Avantgarde. Hier entstand inmitten des Ersten Weltkrieges Dada und mit ihm die stilprägenden literarischen Innovationen, die den Gattungsfundus der dadaistischen Literatur ausmachten.

Passend dazu erscheint nun (bislang nicht angekündigt!) der großformatige Band „Eine lebendige Zeitschrift gewissermaassen.‘ Hugo Ball und die literarische Bühne“ von Thilo Bock. Darin schildert der Autor fundiert und unterhaltsam die Entstehung des Dadaismus, wobei auch Balls persönliches Scheitern zwischen Katholizismus und Anarchismus nicht unterschlagen wird.

Das Buch ist voraussichtlich ab Freitag allerorten im Buchhandel sowie als ebook in allen einschlägigen Stores erhältlich. Für Eilige ist es schon jetzt auf der Website des Berliner Verbrecherverlages einseh- und bestellbar. (280 Seiten, Broschur, Großformat 38,00 €, als ebook 27 99 Euro).

Der Autor

Thilo Bock wurde 1973 in Berlin geboren und lebt dort bis heute. Er hat Neuere Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaften an der TU Berlin studiert. Das nun erscheinende Buch ist zugleich seine Dissertation. Die literarische Bühne kennt er als langjähriger Aktivist der Berliner Lesebühnenszene. Zudem hat er die Romane „Die geladene Knarre von Andreas Baader“ und „Senatsreserve“ sowie zwei Erzählbände veröffentlicht. Zuletzt erschien sein Freiluftroman „Tempelhofer Feld“ (2014).

Übrigens ist Zürich in diesem Jahr voll im Dada Fieber…

Mit dem Langstock auf Verbrecherjagd: Blinde Polizisten und Detektive nicht nur im Kriminalroman

In der Literatur gibt es bekanntlich alles – sogar so was abgefahrenes wie blinde Detektive und Polizisten. Wie ihre sehenden Kollegen sind sie in zahlreichen Erzählungen unterwegs um alle möglichen Verbrecher zu schnappen und buhlen damit höchst erfolgreich um die Gunst des geneigten Publikums. Stellt sich die Frage, ob solche Berufe für blinde und sehbehinderte Menschen auch im realen Leben in Frage kommen…

Die Fingerspitzen des Max Carrados

Im klassischen Kriminalroman finden sich unter den Ermittlern traditionell zwei Hauptcharaktere: Einerseits gibt es den eher trivialen Actionhelden a la Jerry Cotton, der boxend und schießend ganz allein die komplette Mafia zur Strecke bringt und andererseits Denkertypen wie Hercule Poirot, die mit den berühmten „grauen Zellen“ Licht ins Dunkel der kompliziertesten Fälle bringen. In die letztere Kategorie gehört auch die von Ernest Brannah Anfang des 20. Jahrhunderts kreierte Figur des blinden Detektivs Max Carrados, der obendrein seine besonderen Fingerspitzen einsetzt. Ab 1914 ist er in zahlreichen vielgelesenen Storys der ultimative Schrecken aller finsteren Gestalten und machte einst in der Lesergunst auch einem gewissen Sherlock Holmes erfolgreich Konkurrenz.

Spannende Geschichten, die man gerne liest, obwohl Brannah sich beim Kreieren des blinden Detektivs großzügig aus der Kiste der Klischees bediente. So dichtete er Max Carrados diese unglaublich feinfühligen Fingerspitzen an, mit denen der Gute sogar Zeitungen in Schwarzschrift lesen konnte. Ein bisschen Übermensch muss bekanntlich sein, wenn man eine einzigartige Krimifigur kreieren will. Blinde sind dafür bestens geeignet, denn die sehende Menschheit traut ihnen sagenhafte, gar mysteriöse Fähigkeiten zu. Da kann ein kreativer Autor wie Brannah nach Herzenslust fabulieren. Einige von Brannahs Storys sind auf deutsch 1973 bei Heyne unter dem Titel „Max Carrados, der blinde Detektiv“ erschienen.

Die blinde Kommissarin und ihr besonderes Gespür für Lügen

Während Carrados die Figur des außergewöhnlichen Detektivs aus der klassischen Epoche des englischen Krimis repräsentiert, ist „die blinde Kommissarin“ von Patritzia Rinaldi im heutigen Neapel unterwegs. Sie heißt Blanca Occhiuzzi ist nicht nur schön sondern auch noch charismatisch und verfügt ausgehend von ihrer Blindheit ebenfalls über ganz besondere Fähigkeiten. Im Unterschied zu Carrados sind es bei ihr jedoch nicht die feinfühligen Fingerspitzen, sondern die besonders sensiblen Ohren. Mit denen erlauscht und analysiert sie Hintergrundgeräusche bei Telefongesprächen und Emotionen bei Gesprächspartnern mitten im tosenden Umgebungslärm.

Blanca Occhiuzzi ist so eine Art lebender Lügendetektor und in dieser Funktion unerbittlicher als das technische Gerät. Ihr macht keiner was vor, sie entlarvt jede Schwindelei und daher wird sie immer zu Rate gezogen, wenn die gesamte neapolitanische Polizei auf dem Schlauch steht. Die blinde Kommissarin als entscheidender Trumpf im Kampf gegen das Verbrechen – eine interessante literarische Figur, die von der Autorin besonders sorgfältig entwickelt wurde. Allerdings ist die blinde Ermittlerin nur in der bei Ullstein erschienen deutschen Übersetzung zur Kommissarin befördert worden. Im Originaltitel „Tre, numero imperfetto“ ist sie nur Sovrintendente, was keineswegs Superindentend im Sinne der britischen Polizei, sondern Polizeimeisterin bedeutet.

Erblindet im Dienst

Eine ebenfalls hochinteressante Figur hat Friedrich Ani mit dem ehemaligen Münchner Hauptkommissar Jonas Vogel entwickelt, der im Dienst einen Unfall erlitt und seither blind ist. Doch Vogel, der schon vor seiner Erblindung „der Seher“ genannt wurde, steckt nach dem Motto „einmal Polizist, immer Polizist“ auch im Ruhestand seinen Riecher in die Fällen seines Sohnes, der inzwischen an Stelle seines Vaters die Münchner Mordkommission leitet.

Mit den Jonas-Vogel-Romanen ist es Ani gelungen, nicht nur beste Krimiunterhaltung zu liefern, sondern vor allem auch die Erfahrung des plötzlichen Verlustes der Sehkraft in mittleren Jahren zu problematisieren. Damit hat übrigens die davon betroffene Hauptfigur weit weniger zu kämpfen als die Menschen seiner Umgebung. Sicher keine ganz unbekannte Situation für Menschen, denen es ähnlich ergangen ist. Erschienen ist die Jonas-Vogel-Reihe bei dtv.

Blinde Polizisten im realen Leben?

Blinde Ermittler sind offenbar gut geeignet, um spannende und etwas ungewöhnlichere Krimigeschichten zu erzählen. Die Autoren können ihnen allerlei oft ans Übersinnliche grenzenden Fähigkeiten andichten oder auch ihre Problemalge im Kontext einer Kultur, die auf Bildern aufbaut schildern. Für die überwiegend sehende Leserschaft scheint das höchst reizvoll zu sein, zumal die blinden Ermittler immer auch ein wenig mit dem Nimbus des Geheimnisvollen umgeben werden. Das passiert sogar, wenn die Autoren es nicht darauf anlegen sondern entspringt oft der Phantasie der sehenden Leser oder Rezensenten. Ob deren Phantasie aber so weit reicht, sich blinde Polizisten im realen Leben vorstellen zu können, hat bisher niemand beschrieben. Dabei sind sie tatsächlich im Dienst – teilweise sogar in leitender Funktion, wie Alexander Niederwimmer aus Österreich…

Der blinde Einsatzleiter

Alexander Niederwimmer verlor sein Augenlicht während des Jurastudiums durch einen Unfall, trainierte trotzdem mit der Anti Terror Einheit Cobra und wurde Polizeijurist in der Präsidialabteilung der österreichischen Bundespolizeidirektion in Linz. Dort koordinierte er als Einsatzleiter sogenannte Großschadensereignisse. Als er 1997 seinen Dienst antrat, war er der erste blinde Polizist in ganz Österreich und wurde zunächst mit Berührungsängsten der sehenden Kollegen konfrontiert, wie er in einem Interview mit dem Journalisten Florian Klenk erklärte. Da hätte es schon Bemerkungen wie „Jetzt kann ein Behinderter auch schon Polizist werden“ gegeben. Unsicherheiten aller Art seien ihm entgegengebracht worden. Dabei gebe es nur geringe Unterschiede zwischen der Situation eines sehenden und eines blinden Einsatzleiters. „Einsatzleiter,“ so Niederwimmer im gleichen Interview, „sitzen meistens in irgendeiner Kommandozentrale und sehen nichts von der Realität. Sie haben meist schriftliche Mitteilungen, die sie interpretieren. Damit – und nicht mit den Augen – erstellen wir ein Bild der Lage.“

Obwohl Niederwimmer bei der Polizei seinen Traumberuf aus Jugendtagen gefunden hatte, ist er inzwischen dort nicht mehr aktiv weil er als Richter an das österreichische Bundesverwaltungsgericht berufen wurde. Auch mit dieser Position betrat er Neuland, denn bis dahin wurde in Österreich blinden Juristen das Richteramt verweigert.

Spezialeinheit blinder Polizisten in Belgien

Während Alexander Niederwimmer nur ein Anti Terror Training absolvierte, sind die sechs blinden und sehbehinderten Polizisten, um die es jetzt geht, eine echte Spezialeinheit im Kampf gegen den Terror und das organisierte Verbrechen, die 2007 von der belgischen Polizei aufgestellt wurde. Dabei ging es keineswegs darum „armen Blinden“ einen Job zu verpassen, wie Sacha van Loo“ betont. Vielmehr seien er und seine fünf Kollegen wegen besonderer Fähigkeiten zu dieser Einheit gekommen. Natürlich geht es in diesem Zusammenhang wie in der Literatur auch wieder um das Gehör, mit dem die blinden Polizisten beispielsweise allein am Motorengeräusch vorbeifahrende Autos identifizieren sollen. Aber auch andere Fähigkeiten, die von Klischee her nicht so sehr im Kontext mit Blindheit erscheinen, sind gefragt – bei van Loo die sechst Sprachen, die er fließend beherrscht. Übrigens wurde auch in den Niederlanden 2003 eine ähnliche Einheit aufgestellt.

Eine Tür öffnet sich

Trotz der drei angesprochenen Fälle ist es für blinde und sehbehinderte Menschen längst noch nicht völlig normal, in den Polizeidienst einsteigen zu können. So soll es angeblich auch in Deutschland zumindest einige sehbehinderte Polizisten geben – Zahlen darüber sind jedoch keine vorhanden. Höchstens findet man einige Angestellte im Polizeidienst, die aber im eigentlichen Sinn keine Polizisten, sondern überwiegend Schreibkräfte und Informatiker sind. Aber immerhin scheint sich auch bei den Polizeibehörden allmählich die Tür zu öffnen für die Beschäftigung von Menschen mit Seheinschränkungen.