Hören statt Sehen: Neue App „Aipoly“ eklärt Blinden die Gegenstände der Umgebung

Barrierefreiheit ist in der Reisebranche ein Thema, das inzwischen gern diskutiert, aber längst noch nicht auf allen Ebenen umgesetzt wird. So sind längst nicht in allen Hotels die Zimmernummern in Braille- oder kontrastierender Großschrift gehalten. Hier könnte eine neue Vorlese-App ein Stück weit Barrierefreiheit schaffen… Weiterlesen

Wassertauglicher Rollstuhl mit Druckluftantrieb

Menschen, die auf einen Elektro-Rollstuhl angewiesen sind mussten bisher auf Vergnügungen im feuchten Nass weitgehend verzichten denn Elektrizität und Wasser vertragen sich nicht besonders gut. Nun aber gibt es für diesen Personenkreis eine Lösung in Gestalt eines Druckluft-Rollstuhls… Weiterlesen

Treffen mit Tim dem Roboter im Deutschen Technikmuseum

ein-roboter-namens-tim-kopieMuseen bieten die Konfrontation mit den Überbleibseln von Gestern und der Großstadtwanderer liebt die Begegnungen mit ausgebuddelten Artefakten aus Ägypten, Griechenland oder Mittelamerika. Beim Besuch des Deutschen Technikmuseums in Berlin Kreuzberg wird er jedoch nicht vom Hauch der Antike erwartet, sondern von Tim dem Roboter. Der soll als digitaler Guide die Leute durch die verschlungenen Pfade der Ausstellungen lotsten. Momentan ist er aber am Schnarchen und erinnert damit ein bisschen an einen schlafenden Furby…

Roboter im Schnarchmodus

Dieser gute Junge ist natürlich was Feines für die geheimnisvolle Besucherin, deren Affinität bezüglich Technik ja allgemein bekannt ist. Sofort will sie mit Tim in Kontakt treten, was auf der verbalen Schiene aber nicht klappt. Tim schnarcht einfach weiter während sie ihn zunächst höflich und am Ende etwas gereizt um den Ausbruch von Aktivitäten bittet. Lediglich ein Touch Screen bietet ihr die Chance zur Kontaktaufnahme mit dem schnarchenden Tim. Nicht gerade eine barrierefreie Schnittstelle zwischen Maschine und Mensch, wenn Letzterer zur Gruppe der Sehbehinderten gehört und mit dem grafischen Sammelsurium auf dem Screen rein augentechnisch nicht gerade viel anfangen kann.

Roboter auf der Flucht

Doch wie üblich scheut die geheimnisvolle Besucherin kein Risiko wenn es darum geht, unwillige Technik in Gang zu bringen. Aufgrund ihres reichen Erfahrungsschatzes im Umgang mit Smartphone, Tablet und Konsorten weiß sie, das beim Berühren des Touch Screen immerhin irgend etwas passiert und das ist zweifelsohne mehr als gar nichts. Klappt auch diesmal – allerdings mit Überraschungseffekt. Denn kaum hat sie dem Sreen einen Touch verpasst schaltet Tim vom Schlnarch- in den Fluchtmodus, lässt mit männlicher Stimme ein paar Bemerkungen fallen und entkommt dann unaufhaltsam in den schier endlosen Weiten des Deutschen Technikmuseums.

Übrigens scheint Tim mit seiner unerwarteten Startgeschwindigkeit sogar Menschen mit voller Sehkraft übertölpeln zu können. Zumindest lassen Bemerkungen wie „wo ist er denn plötzlich hin“ oder „haut einfach ab der Schlingel“ diesen Schluss zu.

Gestern High Teck – heute altes Eisen

Weil Tim der Roboter sich im Affenzahn aus dem Staub gemacht hat, heißt es nun, auf eigene Faust loszuziehen um einige Highlights des Museums zu entdecken. Beispielsweise die Dauerausstellung zum Thema Netz, was ja zum Roboter passen würde. Doch der kleine Tim ist zumindest hier nicht anzutreffen.

Dafür gibt’s jede Menge Geräte und Apparate, die der Großstadtwanderer während seiner eigenen beruflichen Vergangenheit intensiv nutzen konnte. Da stehen sogar Schreibmaschinen herum, mit denen er einst Haus- und Magisterarbeiten sowie zahllose Zeitungsartikel direkt aufs Papier hämmerte. Eine Lochkartenmaschine erinnert ihn an jenes Monstrum, das er um 1980 in einem Zeitungsarchiv traktieren musste und – tatsächlich – sein erster MP3 Player, gerade mal zwanzig Jahre alt, gehört inzwischen auch schon zu den Exponaten dieser musealen Ausstellung. Vor kurzen noch modernste Hightech Produkte – heute schon wieder ausgemustert und dem ungläubigen Staunen 12jähriger Kids ausgesetzt. Für diese verbindet sich mit solchen Objekten offenbar so was Ähnliches wie angenehm gruseliges Steinzeitfeeling…

Inzwischen hat die geheimnisvolle Besucherin einige Audiomuscheln, die Infos über die Ausstellung und die einzelnen Exponate servieren sollen getestet und findet sie nicht besonders brauchbar im Sinne von Barrierefreiheit für Sehbehinderte oder Blinde. Das kann der Großstadtwanderer nur bestätigen, denn er hat trotz seiner knapp zwanzigprozentigen Sehkraft die Dinger noch gar nicht bemerkt. Sie kleben irgendwo an den Schaukästen und selbst die sogenannten voll sehenden Personen reißen sie manchmal unabsichtlich aus den Halterungen, sodass nicht unbedingt mit einer langen Lebensdauer der Muscheln zu rechnen ist.

Crash mit Hocker

Die Ausstellung selber aber ist große Klasse und der Großstadtwanderer hätte sich sehr gern noch einige Zeit lustvoll auf den Spuren seiner eigenen Vergangenheit bewegt. Damals hatten die technischen Helfer wenigstens noch Charakter und ein gewisser Reinhard Mey sang gar ein Lied über die Liebe eines sentimentalen Programmierers zu einem weiblichen Großrechner aus Chrom und Draht. Doch aktuell droht das viel zu frühe Ende der Öffnungszeit des Deutschen Technikmuseums und da bleibt nichtmal mehr Zeit für melancholisches Schwelgen denn alle müssen rasch den Rückweg unter die Sohlen nehmen…

Ganz so rasch geht’s aber nicht, weil da plötzlich wieder mal irgend Etwas im Wege steht. Dieses Etwas entpuppt sich als kleiner Hocker, dessen runde Sitzfläche durch die unabsichtliche Berührung des Großstadtwanderers urplötzlich in die Höhe schnellt und ihm einen gepolsterten Boxhieb verpasst. Tut nicht weiter weh, löst aber den seit Urmenschtagen bewährten Schreckmodus aus, durch den der Großstadtwanderer zurück springt und einen weiteren kleinen Hocker umnietet. Der schnellt jedoch nicht wieder in die Höhe, sondern rollt asymmetrisch dem Roboter entgegen, der urplötzlich um die Ecke gekommen ist und dem trudelnden Hocker geschickt ausweicht.

Tim oder Mario?

Ungerührt setzt Tim den Weg zu seinem Startpunkt fort. Dort fällt er sofort wieder leise schnarchend wie ein Furby in einen digitalen Tiefschlaf. Sicher ein nettes Spielzeug dieser Tim, meint der Großstadtwanderer – aber nicht gerade Up To Date und daher durchaus als Exponat für die Ausstellung des Technikmuseums geeignet. Längst gibt es digitale Helfer, die sehr viel weiter sind. Der Großstadtwanderer kennt da diesen vielseitigen Hotelroboter Mario – kleiner als Tim, aber viel größer im Können. Mit Mario sind verbale Gespräche in 29 Sprachen möglich und außerdem beherrscht der Kleine sogar Power Point Präsentationen.

Stellt sich die Frage, ob das nicht auch was Passendes  für die Bildungsangebote eines Museums wäre. Und wird es eines Tages nach dem Vorbild des sentimentalen Programmierers Liebesbeziehungen zwischen Mensch und Roboter geben?

Musiktheater im Revier bietet Opernaufführungen für blinde und sehbehinderte Menschen

In der Saison 2016/2017 bietet das Gelsenkirchener „Musiktheater im Revier“ zu fünf Stücken jeweils zwei Aufführungen mit Audiodeskription an. Neben der Live-Beschreibung des Bühnengeschehens gehört jeweils auch eine Einführung in das Stück sowie eine Führung hinter die Kulissen zum Angebot für blinde und sehbehinderte Menschen. Den Auftakt macht im Oktober das Musical „Anatevka“, später stehen noch die Klassiker „Die Lustige Witwe“, „Tristan und Isolde“ und „Don Giovanni“ sowie „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg auf dem Spielplan. Kontakt: Telefon 0209-4097-200 (Theaterkasse) oder für inhaltliche Fragen E-Mail: Stephan.Steinmetz@musiktheater-im-revier.de.

Innovation für Blinde: „Linespace“ übersetzt mit 3D Druck visuelle Darstellungen in tastbare Strukturen

Mit Hilfe von Sreen Readern ist es blinden Usern schon seit Jahrzehnten möglich, umfassend mit Computern zu arbeiten. Mit dieser Technik werden aber hauptsächlich Texte vorgelesen und in fortschrittlicheren Versionen auch andeutungsweise auf Bilder oder Grafiken hingewiesen ohne dass letztere dabei wirklich erfahrbar werden. Daher wird seit langen nach technischen Lösungen gesucht mit denen blinde Nutzer „komplexe räumliche Daten genauso visualisieren und verstehen“ können „wie Sehende“, erklärte Patrick Baudisch vom Potsdamer Hasso-Plattner-Institut gegenüber „New Scientist“. Nun ist Forschern seines Teams mit „Linespace“ die Entwicklung einer taktilen Technik gelungen, die Blinden Usern nun auch umfassend die Anwendung von Tools zur Visualisierung ermöglicht, wobei „visualisieren“ hier natürlich übertragen in die taktile Welt von Blinden zu interpretieren ist.

Kombi aus Reißbrett und 3D-Druckkopf

Das Gesamtsystem Linespace kombiniert ein 140 mal 100 Zentimeter großes Reißbrett mit einem 3D-Druckkopf, der sich dank Roboterarm über diese Fläche bewegt. Mit seiner Hilfe können visuelle Inhalte in taktile Formen übersetzt werden indem er beispielsweise Diagramme als erhabene und damit tastbare Kunststofflinien auf das Reißbrett zeichnet. Die Steuerung des Druckkopfs erfolgt mittels Sprache oder Gestik und erlaubt unter anderem, Detailausschnitte zu vergrößern. Der Roboterarm verfügt zudem über einen Kratzer, um die erhabenen Kunststofflinien auf dem Druck-Display zu löschen und so Platz für neue Daten zu machen.

Mit „Homefinder“ auf Wohnungssuche

Nun sind tolle technische Innovationen nur dann sinnvoll, wenn sie für die potentiellen User als Hilfsmittel auch praktischen Nutzen bieten. Das HPI-Team hat daher für den Prototypen von Linespace einige Beispiel-Apps entwickelt, um diesen angesprochenen Nutzen zu demonstrieren. Neben Excel-Wiedergabe und zwei Spielen gehört dazu die im Alltag sicher sehr hilfreiche App „Homefinder“. Damit können Blinde geeignete Wohnungen finden indem die Lageangaben aus einer Stadtkarte gezoomt und dann per Linespace tastbar gemacht werden.

Natürlich lassen sich darüber hinaus zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten in Bildung und Beruf und Freizeit denken. Blinde Architekten wie etwa Chris Downey hätten sicherlich großes Interesse an dieser Technik oder auch blinde Wirtschaftsfachleute, denen damit grafisch dargestellte Statistiken direkt zugänglich gemacht werden könnten.

Tolle Technik – und die Kosten?

Insgesamt ist das Einsatzpotential von Linespace heute noch gar nicht abzusehen. Voraussetzung dafür, dass dieses Hilfsmittel im Alltag der Blinden auch tatsächlich ankommt und ein bisschen mehr Barrierefreiheit ermöglicht, ist die Bezahlbarkeit des Systems. In dieser Hinsicht hält Baudisch eine kommerzielle Ausführung unter 1.000 Euro für möglich. Das mag erschwinglich klingen, ist es aber für viele der potentiellen User nicht, denn die Mehrzahl der Blinden muss nach wie vor von eher kärglichen Renten und knapp bemessenem Blindengeld existieren. Ob solche Systeme in Zukunft eventuell von Krankenkassen oder Integrationsämtern bezuschusst oder bezahlt werden, steht in den viel besungenen Sternen.

Hier geht’s zum Projekt Linespace – und hier direkt zum Demonstrationsvideo des Systems…