50 Jahre Rollkoffer: Nicht mehr schleppen, sondern ziehen oder schieben

Vor 20 Jahren wurde der Euro eingeführt und vor 100 Jahren das Grab des Tutanchamun entdeckt. Außerdem begann vor 125 Jahren die Erforschung der Antarktis und vor 900 Jahren soll angeblich ein gewisser Friedrich Barbarossa das Licht der Welt erblickt haben. Im Rahmen solch fetter Jubiläen mag der 50. Geburtstag des Rollkoffers fast untergehen. Doch markierte dessen Erfindung zumindest für reiselustige Leute eine echte Zeitenwende…

Koffer schleppen als Krafttraining

In jenen guten alten Zeiten vor der Erfindung des Rollkoffers gab es natürlich auch schon Koffer. Allerdings mussten die durch die Gegend geschleppt werden – und das war meistens Krafttraining pur. Besonders spektakulär wurde es, wenn man mit einem solch monströsen Gepäckstück in der Hand sprintend und hüpfend gerade noch den Zug entern konnte, ehe der unnachsichtige Schaffner die Tür krachend zuschlug. Dabei konnte es auch mal passieren, dass man zwar den Griff noch in den Fingern hatte – aber ohne den Koffer. Der war entweder aufgrund seines Gewichtes oder durch die zuschlagende Zugtür einfach vom Griff abgerissen wurden.

Geklaut wurden diese Tragekoffer allerdings viel seltener als die geschmeidig rollenden Modelle der heutigen Zeit. Sicherlich mochte mancher der damaligen Diebe auch mal einen Bruch machen, sich aber keinen Bruch heben. Daher war es durchaus üblich, dass die Reisenden – falls sie früh genug auf dem Bahnsteig waren – ihre Koffer unbeaufsichtigt dort stehen ließen um sich eine Bulette oder ein Bier zu genehmigen.

Rollende Koffer zunächst unbeliebt

Nun, diese idyllischen aber auch Kraft zehrenden Zeiten fanden ihr allmähliches Ende, als sich ein gewisser Bernard Sadow beim Umsteigen auf dem Flughafen von Puerto Rico über seinen schweren Koffer ärgerte. Der US-Amerikaner war übrigens selber Boss eines Kofferproduzenten, aber bis dahin nie auf die Idee gekommen, die klobigen Gepäckstücke mit Rädern zu versehen. Der Anstoß kam von außen und zwar in Gestalt einer schweren Maschine, die auf einem Rollschlitten recht locker durch die Gegend manövriert wurde. Daraufhin ließ Sadow Koffer mit Rollen bauen, bekam dafür sogar ein US-Patent sowie jede Menge Hohn und Spott. Das lag teilweise an dem noch nicht ganz ausgereiften System und außerdem an der weitverbreiteten männlichen Kraftmeierei. Die sogenannten Herren der Schöpfung fühlten sich durch das Angebot rollender Koffer ernsthaft auf den Schlips getreten, den die meisten von ihnen damals noch trugen. Und genau wie ihre Schlipse wollten sie auch weiterhin Koffer tragen. Da half kein Marketing Rummel – die Dinger kamen einfach nicht an.

Der rollende Pilotenkoffer

Doch es gab unter den Männern jener Ära auch Pragmatiker – Piloten zum Beispiel. Einer von ihnen mit Namen Robert Plath sorgte 15 Jahre nach Sadows erstem vierrädrigem Rollkoffer, der am Lederband etwas wackelig durch die Gegend gezogen wurde, für den endgültigen Durchbruch dieses praktischen Gepäckstücks. Sein Modell lief auf zwei Rollen und wurde mit Hilfe eines ausziehbaren Griffs viel stabiler gezogen. Außerdem gewann 747-Pilot schnell den Zuspruch seiner Kollegen, von denen immer mehr mit dem rollenden Koffer unterwegs waren. Daher trug er zeitweise auch die Bezeichnung Pilotenkoffer. Gegen dieses neue Image konnten die Kraftmeier Argumente nicht mehr zum Zuge kommen. So wurde der Rollkoffer allmählich zum Standard Gepäckstück, dem als Konkurrent nur noch der Rucksack gegenüber steht.

Und überhaupt…

…fragt man sich, warum es so lange gedauert hat, das jemand auf eine so nahe liegende Idee gekommen ist. Schließlich gehört das Rad zu den ältesten Erfindungen der Menschheit und Koffer gibt es auch schon seit tausend Jahren. Da erstaunt es schon, dass die Kombination dieser beiden Gegenstände erst vor gerade mal 50 Jahren vollzogen wurde.

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