Drei Fantastische Langlaufgebiete – gut geeignet auch für Läufer mit Sehbehinderung

Doppelspur im Winterwald

Ski Langlauf ist ein Sport mit hohem Gesundheitspotential und kann auch betrieben und empfohlen werden, wenn die visuellen Möglichkeiten der eigenen Augen nicht gerade riesig sind. Stellt sich die Frage, wo auch diese Langläufer passende Skigebiete finden und wie sie dort hin kommen wenn sie unabhängig von autofahrenden Begleitpersonen reisen wollen…

Hier folgen drei Beispiele aus der durchaus umfangreichen Erfahrungskiste des Großstadtwanderers, empfehlenswert für alle Langlauf Fans, die gern in mittleren Lagen (zwischen 800 und 900 Metern) ihre Doppelspur ziehen wollen.

Tschechische Loipe c peter bachstein

Altreichenau im Bayerischen Wald

Altreichenau liegt auf einer Höhe von etwa 850 Metern inmitten einer hochflächenartigen Landschaft am Fuße des Dreisesselberges. Hier erstreckt sich ein Langlaufgebiet mit getrennten Loipen sowohl für Klassiker, die den Parallelschritt bevorzugen wie für Anhänger des modernen Skating Styles. Auch die verschiedenen Schwierigkeitsgrade sind vertreten.

Eine langläuferische Hauptstraße ist die etwa 9 Kilometer lange Adalbert-Stifter-Loipe (klassischer Stil). Sie verläuft zwischen dem Loipen-Zentrum Altreichenau und Haidmühle auf dem Gleisbett einer ehemaligen Bahnlinie. Aufgrund ihres weitgehend flachen Profils gehört sie zur leichteren Kategorie und ist damit auch bestens geeignet für Langlauf-Neulinge. Da sie keine spontanen Kurven und Kehren aufweist und meistens sehr gut gespurt ist, kann sie im Vertrauen auf das Doppelspur Feeling von sehbehinderten Langläufern auch ohne sehende Begleitung problemlos befahren werden. Weil die Adalbert-Stifter-Loipe kein Rundkurs ist, sollte immer an den Rückweg gedacht werden. Neulinge sollten sich daher gut überlegen, ob sie sich bereits eine 18 km Tour zutrauen. Auf jeden Fall sollte immer die Skibrille mit gutem UV-Schutz getragen werden.

Nach etwa 2 km auf der Adalbert-Stifter-Loipe zweigt rechts die klassische Brennerin-Loipe ab. Die gehört jedoch zur schwarzen Kategorie und damit zum höchsten Schwierigkeitsgrad. Für Alle gilt, dass die Benutzung solcher Loipen einen entsprechenden Erfahrungsschatz voraussetzt. Wenn aber Trainings- und Erfahrungszustand stimmen, können sich auch sehbehinderte Läufer in die Doppelspur der Brennerin-Loipe begeben, wobei natürlich der Grad der Sehbehinderung immer auch eine Rolle spielt und persönlich eingeschätzt werden sollte. Im Zweifelsfall also besser den Vorläufer des Vertrauens mitnehmen. Die Brennerin-Loipe ist übrigens ein Rundkurs und führt zu 90 Prozent durch den Wald, was den Blendeffekt der weißen Pracht reduziert.

Hört sich alles sehr schön an und der Großstadtwanderer ist hier seit Jahrzehnten immer wieder mit Begeisterung unterwegs. Das Problem solcher idyllisch gelegenen Skigebiete ist jedoch ihre nicht gerade komfortable Erreichbarkeit, wenn man öffentliche Verkehrsmittel benutzen möchte oder muss und nicht direkt im Einzugsgebiet wohnt. In diesem Fall gibt es von Passau aus eine Busverbindung mit Umstieg in Waldkirchen. Dauert etwa zweieinhalb Stunden.

Klingt wenig, aber man muss ja erst einmal in Passau angekommen sein. Von Köln aus sind daher bis Altreichenau zehneinhalb Stunden Fahrtzeit einzuplanen und von Hamburg aus mindestens ebenso viel – können aber bei ungünstigen Verbindungen auch siebzehn Stunden werden. Wer von Berlin aus öffentlich anreisen will, ist etwa zwölf Stunden unterwegs. Der Großstadtwanderer hat übrigens aus der Not die berühmte Tugend gemacht und sich immer einen Abend in Passau gegönnt um ein bisschen italienisches Feeling nördlich der Alpen zu tanken.

Altenberg im Osterzgebirge

Für Langläufer, die nicht direkt im weiteren Einzugsgebiet des Bayerischen Waldes leben, ist das Langlaufgebiet im Osterzgebirge mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr viel besser erreichbar. Die Bergstadt Altenberg hat sogar einen Bahnhof, der von Dresden aus (meist mit Umstieg, in der Skisaison teilweise auch durchgehend) bedient wird. Fahrtzeit nur eine Stunde und zwölf Minuten. Mit dem Bus geht es genau so schnell – sogar ohne Umstieg. Von Berlin aus ist man in dreieinhalb Stunden am Rande des Altenberger Skigebiets, Hamburger können es in etwa sechs Stunden schaffen und ab Köln dauert die Reise siebeneinhalb Stunden. In dieser Hinsicht scheint also vieles dafür zu sprechen, von den eher nördlich gelegenen deutschen Städten aus den nächsten Langlaufurlaub im Osterzgebirge zu verbringen. Hinzu kommt, dass die schneebedeckten Hochflächen im Osterzgebirge eine zauberhafte Landschaft bilden mit einem ausgedehnten bis nach Tschechien hinein reichenden Netz von Loipen aller Schwierigkeitsgrade und Längen. Hier schlägt das Herz des naturverbundenen Langläufers höher und es macht riesigen Spaß hier unterwegs zu sein, zumal die Einkehrmöglichkeiten am Loipenrand einen weiteren Lockeffekt präsentieren. Der Großstadtwanderer kann beispielsweise auf dem Weg Richtung Zinnwald nie ohne Einkehrschwung an der Beerenhütte vorbeigleiten…

Beerenhütte c peter bachstein

Für Sehbehinderte sind die hiesigen Loipen prinzipiell auch machbar – wobei die Selbsteinschätzung natürlich nie zur Selbstüberschätzung werden darf. Eine gewisse Vorsicht wäre etwa bei den Abfahrten der Versöhnungsloipe bzw. zurück ins Skistadion von Altenberg nicht ganz verkehrt. Vielleicht auch hier zunächst mal den Vorläufer des Vertrauens mitnehmen…

Etwas unübersichtlicher als in Altreichenau ist das Loipennetz jedoch wegen seiner zahlreichen Kreuzungen auch mit Winterwanderwegen. Da landen nicht nur Sehbehinderte schon mal in der falschen Spur. Problematisch ist außerdem, dass aus irgend einem undefinierbaren Grund ausgerechnet hier zahlreiche Winterspaziergänger ein bisschen achtlos auf den Loipen herum stapfen, sodass man entsprechend dem Grad der Zertrampelung manchmal nicht mehr so genau weiß, ob man sich auf einer Loipe, oder einem Winterwanderweg befindet. Für Sehbehinderte ist das natürlich besonders problematisch, weil diese sich stark auf das Feeling der Doppelspur verlassen.

Nun gibt es zur Orientierung eine Beschilderung mit Loipenlogo. Für Leute mit nicht ganz so fitten Augen ist die allerdings nicht so einfach auffindbar, da ihr Signalcharakter zu schwach ist. Sehbehinderte sollten sich hier oben also sehr gut auskennen um den Spaß an diesem phantastischen Langlaufgebiet auch in vollen Zügen genießen zu können. Man möchte ja nicht dauernd in die Irre zu gleiten. Es wäre daher ganz gut, bei den ersten Touren in den Loipen des Osterzgebirges voll sehende Begleitung mitzunehmen – am besten eine Solche, die mit dem Loipennetz gut vertraut ist.

Übrigens sollten lichtempfindliche Läufer, etwa solche mit ZSD, daran denken, dass Teile dieses Skigebietes in Höhen liegen, wo nur noch Niedrigholz wächst oder gar kein Wald mehr anzutreffen ist. Dadurch können Blendeffekt und Intensität der UV-Strahlung an sonnen- und schneereichen Tagen extrem hoch ausfallen. Also auf jeden Fall die notwendigen Brillen mit nehmen. Die sollten rundum geschlossen sein und wer mit Kantenfilterbrillen unzufrieden ist, sollte zumindest sehr gute UV-Schutzbrillen verwenden. Wer sie vergisst, sollte besser die Loipen Richtung Zinnwald oder Georgenfeld meiden und sich dort aufhalten, wo dichterer Hochwald den Lichtfaktor reduziert. Wäre allerdings sehr schade denn es gibt nicht Schöneres, als direkt unterm Himmel über die weiße Pracht bis hinüber nach Tschechien zu gleiten…

Zwischen Himmel und Schnee c peter bachstein

Torfhaus im Harz

Auch ein wunderschönes Langlaufgebiet auf einer Hochfläche in etwa 800 Metern Höhe und zumindest von norddeutschen Städten aus sehr gut zu erreichen. Von Hamburg und Berlin aus ist man bei zwei Umstiegen in drei Stunden dort oben. Sogar Langläufer aus Dresden, die zur Abwechselung mal nicht ins Erzgebirge, sondern in den Harz fahren wollen, können das in gut fünf Stunden schaffen (2 bis 5 Umstiege). Allerdings gilt auch hier der eindeutige Hinweis auf die Mitnahme der notwendigen Schutzbrillen, denn die hiesigen Loipen führen großenteils auch durch eher waldfreie Bereiche. Das gilt auch für den 6 km langen Rundkurs um das Große Torfhausmoor. Eine eher leichte, aber landschaftlich äußerst reizvolle Tour mit wenig Steigung und Gefälle und daher auch für wenig geübte Läufer sehr empfehlenswert.

Noch ein paar Hinweise

Die Beschreibungen und Einstufungen hinsichtlich Eignung dieser drei Beispiele basieren auf den persönlichen Erfahrungen des Großstadtwanderers und sollten auch so verstanden werden. Andere Sehbehinderte werden mit Sicherheit andere Erfahrungen gemacht haben und möglicherweise auch andere Skigebiete bevorzugen. Vielleicht taucht auch die Frage nach passenden Unterkünften auf, die hier nicht behandelt wurde. Allgemein sei gesagt, dass es in den hier beschriebenen Gebieten keine speziell auf Sehbehinderte zugeschnittenen Quartiere gibt. Die Erfahrungen des Großstadtwanderers zeigen aber, dass die Unterkunftsfrage zumindest in diesem Gebieten keine unlösbare ist, denn die professionellen Gastgeber sind erfahrungsgemäß immer bereit, sich auf die Belange sehbehinderter Gäste einzustellen.

 

 

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