Görlitz Reise: Vom Gruselgang zur Sonnenorgel

Spaziergang durch Görlitz vom Bahnhof aus; unterwegs Begegnung mit einem Kaufhaus im Jugendstil und einer Altstadt zwischen Renaissance und Barock; am Ende wartet an der Neiße die Peter und Paul Kirche mit der Sonnenorgel…

Schwarz Weiß Film Feeling

Als der Großstadtwanderer im Schlepptau der geheimnisvollen Besucherin Görlitz erblickt, fühlt er sich von der berühmten alten Stadt an der Neiße zunächst in einen Schreckmodus versetzt. Da ist nämlich als Einstieg dieser gruselige Gang, der von den Bahnsteigen zur Bahnhofshalle führt und irgendwie an uralte Hitchcock Filme in Schwarz Weiß erinnert. Hier könnte glatt ein gefährlicher Mörder auf seine Opfer lauern und der Großstadtwanderer schaut sich mehrmals vorsichtig um, ob nicht gar der unheimliche Mönch mit seiner Schlinge angeschlichen kommt…

Gruseliger Gang - Kopie

Eisenbahnkathedrale

Doch dann die Halle des Bahnhofs. Ein völlig unerwartetes Kontrastprogramm. Da hat aber ein gewisser Alexander Rüdell im Jahre 1917 mit Rundbögen und Tonnengewölbe gekonnt altehrwürdige romanische Kathedralen abgekupfert. Bei dem Anblick möchte der Großstadtwanderer spontan auf die Knie fallen, weil er dem finsteren Mörder aus dem gruseligen Gang noch mal entkommen ist und sich stattdessen in einem Kulturbahnhof wiederfindet. Hier gibt’s übrigens nicht nur Fahrkarten und Reisebedarf, sondern jeden ersten Samstag im Monat das philosophische Café im KulTourPunkt.

Wie eine romanische Hallenkirche - Kopie

Melancholie mit Gründerzeitambiente

Vor dem Bahnhof dann einige Häuser mit malerischen Gründerzeitfassaden. Einst sollen hier die besten Hotels von Görlitz zahlreiche Gäste beherbergt haben, erzählt die geheimnisvolle Besucherin. Heute jedoch machen sie aufgrund ihres Leerstandes einen bedrückend melancholischen Eindruck so als würden sie kummervoll vom Glanz der Vergangenheit träumen, der sich aber offenbar nicht neu entfalten will.

Ehemaliges Hotel in Görlitz am Bahnhof

Die Fußgängerstraße hat bestimmt auch mal prächtig ausgesehen bietet aber aktuell mit ihren Kleinkramläden und vernagelten Fenstern für genusssüchtig geprägte Charaktere eher den Charme einer Durst- und Hungerstrecke…

Diese möchte der Großstadtwanderer  schnellstens hinter sich bringen und zwar im Schnellläufermodus. Den beherrscht er perfekt und die geheimnisvolle Besucherin kann sich erst im Bereich der Frauenkirche bremsend bemerkbar machen.

Görlitzer Altstadt als sehenswertes Kontrasprogramm

Höchste Zeit, sonst wäre der Großstadtwanderer möglicherweise noch am Görlitzer Kaufhaus vorbei gerannt. Das überregional bedeutende Jugendstilgebäude nach dem Vorbild des Berliner Wertheim Kaufhauses war mit seinem gediegenem Ambiente fast so etwas wie ein Wahrzeichen der Neißestadt, muss aber, ähnlich wie die Gründerzeithäuser beim Bahnhof, mit weitgehendem Leerstand fertig werden. Wo einst Karstadt und Hertie ihre Waren präsentierten, ist momentan nichts los obwohl ein Investor hier längst wieder einen Kaufhaustempel im KaDeWe-Segment eröffnen wollte. Das ständige Verschieben des Eröffnungstermins erinnert jedoch weniger an das weltberühmte Berliner Kaufhaus, sondern mehr an ein anderes Berliner Projekt. Erraten – der Flughafen ist gemeint.

Jugenstilkaufhaus Görlitz.zwo

Die geheimnisvolle Besucherin ist übrigens ein bisschen traurig, weil sie das Kaufhaus nicht besichtigen können. Sie hätte gern mal nachgeschaut, ob der gewaltige Kronleuchter noch vorhanden ist, den ihr Vater vor fünfzig Jahren hier installierte.

Görlitzer Gastronomie

Inzwischen ist der Weg vom Bahnhof in die Görlitzer Altstadt ein echter Durst- und Hungermacher geworden. Auf der Suche nach Erlösung von den entsprechenden Qualen landen die Beiden nach einem Zickzackkurs durch historische Straßen und Gassen mit prangenden Fassaden im Ratscafé am Unteren Markt. Selbstverständlich hätte es auch andere Möglichkeiten der gastronomischen Einkehr gegeben, denn in dieser Hinsicht hat die Görlitzer Altstadt ein echt vielseitiges Repertoire zu bieten. Beispielsweise diese hier…

Das Ratscafé aber ist ein echter Hammer. Nach einem deftigen Happen aus der Pfanne gibt’s zum Dessert jene berühmten Nusstörtchen, die angeblich irgendeiner historischen Königin besonders gut geschmeckt haben sollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Okay, märchenhafte Storys über die kulinarischen Vorlieben gekrönter Damen müssen in einer so berühmten alten Stadt immer erzählt werden und die passen ja auch in diese besondere Atmosphäre des Lokals, die irgendwo zwischen Renaissence und malerischen Kellerverlies angesiedelt ist. Ob in diesem hier besagte Nusstortenkönigin ihre Liebhaber eingesperrt hatte? Doch so was ist natürlich nur Theater und ein solches gibts in Görlitz selbstverständlich auch – mit Gastronomie aber ohne Nusstorte…

Theater in Görlitz

Görlitzer Sonnenorgel

Keine Frage, die alte Stadt an der Neiße hat was echt Mitreißendes und daher hat sich die Reise nach Görlitz wirklich gelohnt. Meint jedenfalls der Großstadtwanderer und die geheimnisvolle Besucherin mag ihm ausnahmsweise mal nicht widersprechen. Sie weist jedoch darauf hin, dass sie längst nicht alles gesehen hätten. Beispielsweise sei die Peter und Paul Kirche oberhalb der Neiße eine wichtige Station für eine historische Tour durch Görlitz. Ihre Ursprünge lägen im 11. Jahrhundert und in ihrem Inneren sei inzwischen wieder die berühmte Sonnenorgel zu hören. Diese hätte vor gut dreihundert Jahren ein gewisser Eugenio Casparini erbaut, der trotz seines italienisch klingenden Namens ein Sohn der Lausitz gewesen sei. Den Klang der Görlitzer Sonnenorgel als Erlebnis gebe es jeden Sonntag um 12:00 Uhr beim sogenannten „Orgel.Punkt12“ Termin oder auf dem You Tube Channel des berühmten Instruments.

Übrigens muss sich niemand von einer Reise nach Görlitz abschrecken lassen weil es am Bahnhof zur Zeit keine offenen Hotels mehr gibt. Die Görlitzer Altstadt hat in dieser Hinsicht genug zu bieten – z. B. die „Börse“, ein dreihundert Jahre altes Gebäude am Untermarkt, das bis 2003 als Standesamt diente. Möglicherweise ist dieses barrierefreie Hotel deshalb besonders beliebt bei Paaren, die gern in Görlitz übernachten wollen.

Görlitz Hotel Börse - Kopie

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7 Gedanken zu “Görlitz Reise: Vom Gruselgang zur Sonnenorgel

  1. Ich habe mal gelesen, Görlitz sein ein Rentnerpradies, weil immer mehr Rentner auch aus dem Westen hierhin ziehen: Es gibt noch bezahlbaren Wohnraum, man hat also mehr von seiner Rente, und da die Stadt nach der Wende liebevoll restauriert wurde, sei die Lebensqualität hoch. Ich habe selbst mal mit dem Gedanken gespielt, aber bis ich soweit bin, dauert es noch ein paar Jahre.

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    • auch wir hatten schon manchmal daran gedacht, eines tages görlitz als endgültigen wohnsitz zu wählen – wenn wir mit dem pendlerleben mal auifhören wollen. dürfte aber auch noch einige jahre dauern und ganz wird berlin nie aus dem rennen sein. allerdings kann man von görlitz aus schnell dorthin fahren. auf jeden fall hat görlitz eine ganz besondere atmosphäre…

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