Wandern im Tessin: Natur, Kultur und archaische Kühlschränke

Bergauf im trockenen BachbettDas Tessin (Ticino) in der Schweiz ist ein echtes Paradies für Wanderer, die gern zwischen alpinen Höhen und lieblichen Tälern unterwegs sind. Auch abgelegene Wandergebiete sind mit Bus oder Bahn bequem erreichbar und das dafür nötige „Ticino Ticket“ gibt’s gratis. Die App „hikeTicino“ liefert Infos zu 150 Wandertouren. Hier eine kleine Auswahl, bei der auch der Aspekt „Barrierefreies Wandern“ berücksichtigt wird…

Der Höhenweg Monte Lema – Monte Tamaro

Die Gratwanderung vom Monte Lema auf den Monte Tamaro gehört zu den Klassikern unter den Schweizer Höhenwanderungen. Mit der Seilbahn ab Miglieglia erreichen Wanderer den Ausgangspunkt der Tour, die nahe der schweizerisch-italienischen Grenze fast ausschließlich auf dem Grat verläuft. Das bedeutet fünfeinhalb Stunden beste Aussichten.

Einzigartig ist schon zu Beginn dieser alpinen Wanderung der Blick vom Monte Lema: Auf der einen Seite glitzert weit unten der Luganersee, auf der andern der Lago Maggiore, beide malerisch eingebettet in die Berge des Südtessins. Bei der Hütte Capanna Tamaro lockt nicht nur die tolle Aussicht, sondern auch kulinarische Leckerbissen der hausgemachten Art. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung runter zur Alpe Foppa, die Kulturinteressierte mit Mario Bottas Chiesa di Santa Maria degli Angeli begeistert und Verspielte jeden Alters mit der rasanten Sommerrodelbahn beeindruckt. Länge: 12,86 Kilometer, Dauer: 5 Stunden, Schwierigkeitsgrad: mittel.

Ponte Tibetano: Familienfreundliche Wanderung

In Monte Carasso, wenige Kilometer von Bellinzona entfernt, beginnt die familienfreundliche Wanderung zur Ponte Tibetano, die mit 270 Metern längste tibetische Hängebrücke der Schweiz. Die vierstündige Tour führt vorbei an Weingütern, die zur Degustation des exzellenten Tessiner Merlot einladen, bis hinauf in das malerische Dorf Curzútt, das mit dem Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes ausgezeichnet ist. Im Ortskern mit typischen Tessiner Steinhäusern lädt ein kleines Gasthaus zur verdienten Pause ein. Nur wenige Wanderminuten entfernt befindet sich die kleine Kirche San Barnàrd, in der wertvolle Fresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert zu bestaunen sind. Die Überquerung der neuen tibetischen Hängebrücke, die über die 100 Meter tiefe Schlucht führt, verspricht einen dezenten Adrenalinkick vor allem aber herrliche Aussichten. Länge: 7,91 Kilomenter, Dauer: 4 Stunden, Schwierigkeitsgrad: mittel.

Die Nevère des Monte Generoso

Der Monte Generoso bei Mendrisio ist der bekannteste Berg des Tessins – die Aussicht von dort auf die Seenlandschaft, die Stadt Lugano, die Po-Ebene und die Berge vom Apennin bis zum Gotthardmassiv und der Berninagruppe ist natürlich ein echter Hammer.

Seit 125 Jahren startet die Zahnradbahn in Capolago am Luganersee und fährt bis hinauf zum Gipfel. Die neue „Fiore di Pietra“ („Steinblume“), entworfen vom Stararchitekten Mario Botta, empfängt seit dem 8. April dieses Jahres Besucher. Hier warten zwei Restaurants und zwei Aussichtsterrassen mit Blick auf eine der malerischsten Landschaften des Tessins. Der Rundweg startet und endet hier und führt vorbei an zehn Nevère, den Vorgängern der modernen Kühlschränke. Diese in zylinderförmige Steinbauten gefassten Schneegrotten wurden einst errichtet, um Milch zu lagern, bevor diese in Butter und Käse verwandelt wurde. Länge: 5,07 Kilometer, Dauer: 2 Stunden, Schwierigkeitsgrad: leicht.

San Salvatore – Morcote: zwischen Natur und Kultur

Ein Klassiker schlechthin ist die Tour vom Gipfel des San Salvatore durch Kastanienwälder bis hinab an den Luganersee nach Morcote, das 2016 zum schönsten Dorf der Schweiz gekürt wurde. Von Lugano-Paradiso aus bringt die Standseilbahn die Besucher bequem auf den 912 Meter hohen Gipfel. Vom Dach der Kirche und der Aussichtsterrasse aus haben Wanderer einen überwältigenden 360-Grad-Rundblick, bevor es auf bequemen Wegen durch den Wald ins Künstlerdorf Carona geht. Hier lohnt sich ein Besuch des botanischen Gartens Parco San Grato, auf dessen 62.000 Quadratmetern die weitläufigste und artenreichste Sammlung an Azaleen, Rhododendren, Koniferen und Nadelbäumen des Tessins gedeiht. Weiter durch den Kastanienwald und über Hunderte von Treppenstufen geht es schließlich hinunter an den See ins malerische Morcote, wo eine Schiff- oder Busfahrt zurück an den Ausgangsort nach Lugano führt. Länge: 9,81 Kilometer, Dauer: 3,5 Stunden, Schwierigkeitsgrad: mittel.

Und nun zur neuen Tessiner WanderApp

Die neue WanderApp „hikeTicino“ steht ab sofort mit der Version 2.0 zur Verfügung und bietet jetzt Informationen zu über 150 Wanderungen im Tessin, die auch offline abrufbar sind. Neu ist die Suche nach Architektur, Kultur und Kunst, Natur und Routen mit Berghütten. Neben einer ausführlichen Etappenbeschreibung finden sich zu jeder Route die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, Bilder und Streckenmerkmale wie Distanz, Dauer und Schwierigkeitsgrad sowie ein Höhenprofil und eine interaktive Karte. Die aktuelle Wetterprognose sowie die Einspielung der auf Instagram mit dem Hashtag #hiketicino gekennzeichneten Fotos komplettieren das Angebot.

Special: Wandern im Tessin mit Sehbehinderung?

Barrierefreiheit wird beim Reisen allgemein, aber auch beim Wandern im Besonderen überwiegend auf den Rollstuhl fokussiert betrachtet. Sehbehinderte und Blinde werden als Zielgruppe erst allmählich wahrgenommen. Das Tessin macht da keine Ausnahme und es gibt daher keine speziellen Angebote für solche Wanderer. Dabei sind Menschen mit Seheinschränkungen aller Art oft höchst aktive Wanderer oder gar Bergsteiger, die alle Schwierigkeitsgrade meistern wie beispielsweise der weltberühmte „Blind Climber“ Andi Holzer.

Gut, das ist ein Profi. Doch auch unsere eigenen Erfahrungen zeigen, dass es für Menschen mit Seheinschränkung keinen Grund gibt, den Bergen fern zu bleiben. Wir haben noch jeden Gipfel erreicht sofern wir es wollten. Dabei hatten wir häufig keine voll sehende Begleitung dabei und verließen uns daher auf unseren Sehrest sowie die anderen Sinne. Natürlich müssen immer die eigenen Fähigkeiten realistisch eingeschätzt werden – das aber gilt auch für voll sehende Bergwanderer.

Was nun unsere Erfahrungen angeht, so sind viele Touren im Ticino auch mit Sehbehinderung gut machbar wenn die anderen Fähigkeiten wie Trittsicherheit, Kondition und Ausdauer stimmen. Blinde sollten selbstverständlich sehende Begleitung mitnehmen – das macht Andi Holzer übrigens auch.

Tipp

Für Einsteiger, die vielleicht noch nicht so viel Erfahrung mit alpinen Wanderungen haben, empfiehlt sich die Nevère des Monte Generoso Tour. Das gilt aber auch für Wanderer ohne Seheinschränkung. Da geht’s erst mal mit der Seilbahn nach oben und dann auf einem Rundweg entlang. Auch für Leute mit Sehrest bieten sich unterwegs einige atemberaubende visuelle Eindrücke und diese Eisgrotten-Kühlschränke sind auch für Blinde ein echter Hammer.(Foto)

Ticino Turismo: Itinerario 01 - Monte Generoso

Die Frage „Wandern im Tessin mit Sehbehinderung? Können wir aufgrund unserer Erfahrungen eindeutig mit „na klar“ beantworten. Allerdings wäre es schön, wenn die Touristiker – sowohl allgemein wie im Tessin speziell – das Thema „Barrierefreies Reisen“ bzw. Barrierefreies Wandern“ ein bisschen mehr auch auf die Bedürfnisse von Menschen mit Seheinschränkungen ausdehnen würden.

Fotos:

  1. peter bachstein
  2. Tessin Tourismus
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