Wo Hölderlin spazieren ging: Unterwegs in den Gassen von Tübingen

Tübingen besitzt eine international renommierte Universität, die häufig von Menschen mit Augenerkrankungen besucht wird. Doch die am Neckar gelegene Stadt der viel besungenen Dichter kann auch als attraktives Reiseziel punkten. Für Menschen mit Seheinschränkung sowie anderen Behinderungen werden spezielle Stadtführungen angeboten.

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Tübingen – steinalt und ganz jung

Tübingen ist die jüngste Stadt Deutschlands obwohl sie bereits auf eine mindestens 800jährige Geschichte zurückblicken kann. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich aus dem mit etwa 38 Jahren relativ niedrigen Durchschnittsalter der Bevölkerung. Diese besteht zu knapp einem Drittel aus Studenten, die an der altehrwürdigen, 1477 gegründeten Eberhard Karls Universität mehr oder weniger erfolgreich akademischen Weihen entgegen streben.

Universität in der Altstadt

Bei einem Spaziergang durch die Altstadt begegnen Reisende aber nicht nur zahllosen jungen Studenten, sondern auch alten Gebäuden der Universität, die zumindest in Teilen der Bausubstanz noch aus den Tagen ihrer Gründung stammen. Symbolhaft steht dafür natürlich die zwischen 1478 und 1482 erbaute Bursa als historisch erster eigenständiger Standort der Uni. Vorher musste sie sich mit einer Gastrolle in der Stiftskirche begnügen, die ebenfalls zu den Highlights einer historischen Stadttour zählt. Die Bursa in den heutigen Ausmaßen hat übrigens kaum noch Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Bau. Das Wachstum der Uni erforderte Erweiterungen und führte Anfang des 19. Jahrhunderts zu dem Gebäude, in dem heute die Philosophische Fakultät und das Kunsthistorische Institut ihr Zuhause haben.

Tübingen und die Dichter

Wer sich mit der Bursa befasst, in der nach den oben erwähnten Umbauarbeiten das erste Tübinger Klinikum untergebracht war, landet unweigerlich bei berühmten deutschen Dichtern. Das liegt an einem gewissen Friedrich Hölderlin, der hier eher unfreiwillig ein wenig erfreuliches Patientendasein fristen musste. Der Turm des Dichters, in dem er nach seiner Entlassung aus der Klinik bis zu seinem Tod im Jahre 1843 lebte, ist von der Bursa aus fußläufig erreichbar. Schließlich befinden sich beide in der Bursagasse…

Die Begegnung mit weiteren Heroen der Dichtkunst ist beim Flanieren auf dem holprigen Pflaster der Tübinger Altstadt geradezu unausweichlich. So empfängt nahe der Stiftskirche das Antiquariat Heckenhauer, wo Hermann Hesse seine Buchhändlerlehre absolvierte, noch immer die lesefreudige Kundschaft und Besucher, die vom Bahnhof kommen, werden von einem steinernen Ludwig Uhland begrüßt. Die Blumenpracht, deren Zauber in den wärmeren Jahreszeiten das Geländer des Ammenkanals ziert, ehrt allerdings keinen Dichter, sondern einem Mediziner und Botaniker namens Leonhard Fuchs. Dieser lebte im 16. Jahrhundert, war mehrmals Rektor der Tübinger Uni und veröffentlichte seinerzeit einige bahnbrechende Werke zur Pflanzenheilkunde. Nach ihm wurde übrigens eine unserer liebsten Zierblumen benannt – die Fuchsie…

Allein oder mit Guide?

Ein Rundgang durch malerische Gassen und über steile Stiegen der Tübinger Altstadt kann Jeder auf eigene Faust unternehmen oder aber die Dienste erfahrener Guides in Anspruch nehmen. Solche gibt es auch für blinde und sehbehinderte Besuchergruppen. Sie bieten Rundgänge von etwa anderthalb Stunden und gehen dabei auf die besonderen Bedürfnisse von Besuchern mit Seheinschränkung ein. Das bedeutet einerseits, dass die einzelnen Stationen sehr detailliert beschrieben werden – auch in englischer Sprache – und andererseits auch Gelegenheit zum Berühren und Ertasten von Teilen alter Mauern gegeben wird. Natürlich sind keine taktilen Elemente in den Gassen vorhanden – die würden im Kopfsteinpflaster ja auch völlig sinnlos sein. Auch ist der Aufstieg über die 64 Stufen zur Münzgasse etwas krumm und winkelig. Doch unter Leitung der Guides hat die Bewältigung solcher Passagen bisher immer problemlos funktioniert. Die Gruppengröße sollte 25 Personen inklusive Begleitpersonen nicht überschreiten und der Preis pro Gruppe beträgt 85.- Euro. Kontakt mit den Guides, die vom Tübinger Bürger- und Verkehrsverein für die verschiedenen Gruppen von Menschen mit Behinderung zur Verfügung gestellt werden, gibt es unter der Nummer 0 70 71/9 13 613 oder mit diesem Link.

Übrigens gibt es für ganz besonders genusssüchtige Besucher der alten Universitätsstadt sogar die Möglichkeit, einen Rundgang in lateinischer Sprache zu buchen.

Unterkunft:

Es gibt in Tübingen keine speziellen Blinden- und Sehbehindertenhotels wie beispielsweise Aura. Doch erscheinen die meisten Hotels der Stadt für die genannte Personengruppe durchaus geeignet. Beispielsweise das „Domizil“ Tel. 07071/139-0. Hier sind die Routen optisch kontrastreich markiert, die Beschriftung der Bedienknöpfe im Aufzug ist tastbar, was auch auf die Zimmernummern zutrifft. Führhunde können mitgebracht werden und die Speisekarte wird vorgelesen.

Auch die Jugendherberge, Tel. 07071 /23002 ist gut geeignet. So sind die Glastüren mit optisch starken Markierungen versehen. Treppen und Stufen sind sowohl durch Farbe wie taktiler Oberflächenstruktur erkennbar und die Zimmernummern sind tastbar. Die Möbeln in den Zimmern sind ganz ohne scharfe Kanten. Weitere Infos zu Unterkünften können auch über den Bürger- und Verkehrsverein, Tel. 07071/91360 eingeholt werden.

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