„Alles Licht, das wir nicht sehen“: Roman um ein blindes Mädchen im zweiten Weltkrieg

Alles Licht, das wir nicht sehen“ vom US-amerikanischen Autor Anthony Doerr ist ein Weltkriegsroman mit Zugaben aus der Fantasy Literatur. Hauptakteure sind der deutsche Soldat Werner Hausner, der im besetzten Frankreich Partisanen aufspüren und vernichten soll und die blinde Resistance Aktivistin Marie Laure LeBlanc, die einen geheimnisvollen Diamanten bewacht, den die Nazis gerne haben wollen. Am Ende begegnen sich beide in einem dramatischen Schlussakkord.

Showdown oder Liebesakt?

Es sind nicht gerade Charaktere von der Stange, die sich im Laufe des Geschehens unweigerlich aufeinander zu bewegen – ob zum Showdown oder zum Liebesakt wird sich erst am Ende zeigen. Vorher werden mit dem Mittel der Rückblende die Entwicklungslinien von Werner und Marie Laure immer deutlicher herausgearbeitet.

Da ist zum einen Werner als Waisenjunge aus Essen, der auf dem Gelände der Zeche Zollverein aufwächst, und zum anderen das blinde Mädchen Marie Laure aus Paris, dessen fürsorglicher Vater ihr ein hölzernes Modell des Stadtviertels baut, damit sie sich zurecht finden kann. Der Junge entwickelt ein gutes Händchen für Technik, baut aus Schrott Radios zusammen und landet in einem Internat der Nazis, wo er zum Funktechniker sowie zur Kampf- und Killermaschine ausgebildet wird. Das Mädchen hingegen lernt sich geschickt in einer Welt zu bewegen, die nicht auf Bildern und Licht, sondern vor allem auf Klängen und Geräuschen beruht. Ausgerechnet der Krieg wird dafür sorgen dass beide sich treffen – im bretonischen Saint-Malo an der Atlantikküste. Dort erleben die deutschen Besatzer gerade ihre finale Götterdämmerung.

Ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis

Zunächst mal ein spannender und auf jeden Fall lesenswerter Roman, in dem es Anthony Doerr gelingt, Marie Laures Blindheit nicht nur zu behaupten, sondern auch erstaunlich authentisch zu beschreiben. Während er ansonsten Bilder serviert, bietet er im Zusammenhang mit dem blinden Mädchen so was wie Hörspielsequenzen an. Das Zusammenführen dieser beiden sinnlichen Erlebnisebenen kulminierend in den Hauptaktueren macht den ganz besonderen Reiz dieses Romans aus, für den Doerr immerhin den begehrten Pulitzerpreis erhielt.

Kapitel knapp wie Blitzlichter

Aufgrund der knappen, wie Blitzlichter flackernden Kapitel ergibt sich ein rasanter Erzählstil, bei dem die Lesenden das Vergehen der Zeit glatt vergessen können. Doerr walzt also keine epische Breite in die Welt, sondern knallt die Ereignisse seines Romans expressiv krass und direkt auf die gut 500 Seiten des Buches, wobei er sich keineswegs scheut, ein bisschen Schmalz hinein zu schmieren. Perfekte Mischung für amerikanische Leser, die „Alles Licht“ millionenfach kauften. Sogar die Kritiker in den USA sind begeistert und Hollywood ist auch schon am Ball. Schließlich ist das Buch bestens geeignet für den Film denn aufgrund der knappen, im Präsens erzählten Kapitel ist es die ideale Grundlage für Drehbuchautoren.

In Deutschland klappt das nicht ganz so gut aufgrund der anderen Lesegewohnheiten. Hier bleibt der Schmalz dem Groschenschmöker vorbehalten und löst in Romanen mit Pulitzerehrung ein gewisses Missfallen bei den Lesenden aus. Außerdem stelzt die deutsche Übersetzung manchmal weit weg von der gängigen Sprache durchs Geschehen. Kleine Schwachstellen haben aber alle Romane – auch die Besten, zu denen dieser mit Sicherheit gehört.

Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr mit 518 Seiten ist in der 9. Auflage bei C. H. Beck zum Preis von 19.95 Euro erschienen (ISBN 978-3-406-68063-2). Als Hörbuch ist es bei Audible in einer ungekürzten Fassung von 16 Stunden und 35 Minuten zu bekommen  – sogar als kostenlose Testversion für 30 Tage.

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