Innovation für Blinde: „Linespace“ übersetzt mit 3D Druck visuelle Darstellungen in tastbare Strukturen

Mit Hilfe von Sreen Readern ist es blinden Usern schon seit Jahrzehnten möglich, umfassend mit Computern zu arbeiten. Mit dieser Technik werden aber hauptsächlich Texte vorgelesen und in fortschrittlicheren Versionen auch andeutungsweise auf Bilder oder Grafiken hingewiesen ohne dass letztere dabei wirklich erfahrbar werden. Daher wird seit langen nach technischen Lösungen gesucht mit denen blinde Nutzer „komplexe räumliche Daten genauso visualisieren und verstehen“ können „wie Sehende“, erklärte Patrick Baudisch vom Potsdamer Hasso-Plattner-Institut gegenüber „New Scientist“. Nun ist Forschern seines Teams mit „Linespace“ die Entwicklung einer taktilen Technik gelungen, die Blinden Usern nun auch umfassend die Anwendung von Tools zur Visualisierung ermöglicht, wobei „visualisieren“ hier natürlich übertragen in die taktile Welt von Blinden zu interpretieren ist.

Kombi aus Reißbrett und 3D-Druckkopf

Das Gesamtsystem Linespace kombiniert ein 140 mal 100 Zentimeter großes Reißbrett mit einem 3D-Druckkopf, der sich dank Roboterarm über diese Fläche bewegt. Mit seiner Hilfe können visuelle Inhalte in taktile Formen übersetzt werden indem er beispielsweise Diagramme als erhabene und damit tastbare Kunststofflinien auf das Reißbrett zeichnet. Die Steuerung des Druckkopfs erfolgt mittels Sprache oder Gestik und erlaubt unter anderem, Detailausschnitte zu vergrößern. Der Roboterarm verfügt zudem über einen Kratzer, um die erhabenen Kunststofflinien auf dem Druck-Display zu löschen und so Platz für neue Daten zu machen.

Mit „Homefinder“ auf Wohnungssuche

Nun sind tolle technische Innovationen nur dann sinnvoll, wenn sie für die potentiellen User als Hilfsmittel auch praktischen Nutzen bieten. Das HPI-Team hat daher für den Prototypen von Linespace einige Beispiel-Apps entwickelt, um diesen angesprochenen Nutzen zu demonstrieren. Neben Excel-Wiedergabe und zwei Spielen gehört dazu die im Alltag sicher sehr hilfreiche App „Homefinder“. Damit können Blinde geeignete Wohnungen finden indem die Lageangaben aus einer Stadtkarte gezoomt und dann per Linespace tastbar gemacht werden.

Natürlich lassen sich darüber hinaus zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten in Bildung und Beruf und Freizeit denken. Blinde Architekten wie etwa Chris Downey hätten sicherlich großes Interesse an dieser Technik oder auch blinde Wirtschaftsfachleute, denen damit grafisch dargestellte Statistiken direkt zugänglich gemacht werden könnten.

Tolle Technik – und die Kosten?

Insgesamt ist das Einsatzpotential von Linespace heute noch gar nicht abzusehen. Voraussetzung dafür, dass dieses Hilfsmittel im Alltag der Blinden auch tatsächlich ankommt und ein bisschen mehr Barrierefreiheit ermöglicht, ist die Bezahlbarkeit des Systems. In dieser Hinsicht hält Baudisch eine kommerzielle Ausführung unter 1.000 Euro für möglich. Das mag erschwinglich klingen, ist es aber für viele der potentiellen User nicht, denn die Mehrzahl der Blinden muss nach wie vor von eher kärglichen Renten und knapp bemessenem Blindengeld existieren. Ob solche Systeme in Zukunft eventuell von Krankenkassen oder Integrationsämtern bezuschusst oder bezahlt werden, steht in den viel besungenen Sternen.

Hier geht’s zum Projekt Linespace – und hier direkt zum Demonstrationsvideo des Systems…

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