Skigeschichten die ich schreiben wollte: 2. Vom Diggercamp zum Wintersportparadies

1. Das Berggeschrey von Altenberg

Immer wenn es Winter wird, steht Altenberg ziemlich weit oben im Programm der sportbegeisterten Welt. Dann kommen Olympiasieger und Weltmeister sowie zahllose Freizeitsportler in dieses Winterparadies im Osterzgebirge und die ehemalige Bergbaustadt wird zum Schauplatz spannender Wettkämpfe der Rodler und Bobpiloten, Biathleten und Langläufer.

Wie im Wilden Westen

Es begann ungefähr so wie im Wilden Westen, nur vierhundert Jahre früher, anno 1440. Wandernde Bergleute schürften in den Bächen und Flüssen der Region nach edlem Metall. Im Gebiet des heutigen Altenberg wurden sie fündig. Zwar wuschen sie kein Gold aus dem Sand der Wasserläufe, dafür aber Zinn. Doch auch das war wertvoll genug, um sofort ein heftiges Berggeschrei auszulösen.

Wie das oft zitierte Lauffeuer verbreitete sich die Kunde vom Zinnfund im Osterzgebirge. Aus allen Ecken und Winkeln Europas kamen sie, die Bergleute und Glücksritter, Abenteurer und Grubenunternehmer um teil zu haben an den Schätzen der Erde auf und um den Geisingsberg. Die Neuankömmlinge errichteten ihre Hütten wo sie gerade Platz fanden und möglicherweise gab es auch Auseinandersetzungen um die besten Claims und Schürfstellen.

Ein typisches Diggercamp muss Altenberg damals gewesen sein – doch die glorreiche wilde Zeit dauerte nur wenige Jahre, denn Grubenunternehmer und Landesherren waren an geordneten Verhältnissen interessiert. Sie verpassten der wilden Siedlung der Zinner im Jahre 1451 das Stadtrecht, was nicht nur besondere Privilegien brachte, sondern auch die Verpflichtung zum Aufbau einer geordneten städtischen Struktur.

Mehr als fünfhundert Jahre blühte der Zinnbergbau im Raum Altenberg. Zahllose Generationen von Bergleuten holten das edle Metall aus dem Inneren des Gebirges und es nahm seinen Weg in die ganze Welt. Der Altenberger Bergbau war ein Globel Player – der Name der kleinen Stadt im Osterzgebirge hatte überall einen ausgezeichneten Klang.

Edles Metall aus Altenberg

Doch dann kam das Jahr 1991 und die Erfolgsgeschichte Altenbergs schien ihr Ende erreicht zu haben. Der Bergbau wurde eingestellt, kein Zinner fuhr mehr in den Bauch von Mutter Erde, um edles Metall ans Tageslicht zu fördern. Aber Altenberg wurde nicht wie zahllose Diggercamps zur Geisterstadt, wo nur noch traurige Legenden von der glorreichen Vergangenheit erzählen. Die kleine Kurstadt im Osterzgebirge ist auch keineswegs in einen tausendjährigen Dornröschenschlaf gefallen, sondern lebendiger denn je.

Und wieder geht es hier um edles Metall. Das aber wird nicht von Bergleuten aus der Erde gegraben, sondern von Sportlern aus der ganzen Welt auf schnellen Brettern und Kufen erkämpft. Neben Gold und Silber ist sogar Zinn mit dabei, denn etwa fünfzehn Prozent der Bronzemedaille bestehen aus jenem Metall, das einst in Altenberg gefördert wurde.

Altenberg

2. Goldrush in Kalifornien

Auch im Wilden Westen gibt es einen weltberühmten Wintersportplatz, der während des kalifornischen Goldrush als Diggercamp begann. Diese wilde Siedlung in der Sierra Nevada hieß damals Hang Town und war das Sammelbecken der Gestrandeten, letzter Ort glückloser Goldsucher, die nirgendwo den großen Klumpen gefunden hatten.

Der Mann aus Telemarken

Unter ihnen war auch ein gewisser Jon Thorsteinson aus dem norwegischen Telemarken, der mit den sogenannten Forty Niners ins kalifornische Gold- und Silberland gekommen war. Er fand zwar keinen müden Nugget, konnte dafür aber sehr gut Ski fahren und wurde daher als winterlicher Postbote eingestellt.

Als solcher schleppte er nicht nur Briefe, sondern auch Rucksäcke voll Gold über die tief verschneiten Pässe der Sierra. Auf seinen schnellen Brettern war er allen Wegelagerern überlegen, die bis zum Bauch in der weißen Pracht versanken. Damit wurde Jon Torsteinson aus Telemarken, den sie an den Feuern der Diggercamps bald nur noch Snowshoe Thomson nannten, ganz ohne Revolver zu einer der legendärsten Gestalten des Wilden Westens und ganz nebenbei zum Begründer des US amerikanischen Skisports.

Das Greenhorn aus Missouri

Snowshoe Thomson brachte aber nicht nur Briefe und Gold nach Draußen, sondern auch Post und sogar diverse Waren hinein ins Goldland. Einmal hatte er auch einen Stapel Drucklettern im Rucksack auf die ein gewisser Samuel Longhorne Clemens sehnlichst wartete denn er wollte eine Goldgräberzeitung herausgeben. Damals kannte kein Mensch dieses Greenhorn aus Missouri. Bald aber sollte er als Mark Twain weltberühmt werden. Zu seiner schriftstellerischen Hinterlassenschaft gehören auch Geschichten aus Hang Town, wo es nach seinen Worten täglich zum Frühstück Messerstechereien und ein paar Leichen gegeben haben soll.

Olympisches Gold

Der Goldrush ging vorbei, die Digger zogen weiter und Hang Town, das inzwischen Plecerville hieß, wurde fast zur Geisterstadt. Doch eines Tages erlebte das vergessene Nest in der Sierra Nevada seine Auferstehung als Wintersportparadies, das 1960 gar mit olympischem Gold gekrönt wurde. Sein Name: Squaw Valley. Irgendwo dort gibt es übrigens ein ganz einfaches Grab mit einem seltsamen Kreuz gebildet von zwei altertümlichen Ski aus Holz. Die letzten von Snow Shoe Thomson…

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