Schmachtend im Klokerker oder Big Sister und die gute alte Zeit

Dies ist eine etwas längere Story und mancher mag im Zeitalter der Kurzmitteilungen vor dem Lesen derselben zurückschrecken. Doch insbesondere all jene, die vorhaben mit dem Zug zu fahren, sollten sich diesem Erlebnis des Großstadtwanderers mit größter Aufmerksamkeit widmen. Schließlich müssen sie ja nicht in eine ähnlich haarsträubende Situation geraten. Dabei fing alles ganz harmlos an – als simple Reise mit der Bahn von Berlin nach Cottbus, was ja normalerweise wenig aufregend zu sein pflegt. Diesmal aber war vieles anders und vor allen Dingen neu.

Ganz in Gelb

Neu war zunächst mal schon der Zug. Nicht in gewohntem Rot, sondern gelb wie eine Butterblume glitt er in den Bahnhof Alexanderplatz. Um aber keinen allzu großen Bruch mit den rot gepinselten Vorgängerzügen zu riskieren, kam er zwölf Minuten zu spät und die Türen gingen auch nicht sofort auf, sondern ließen erst mal ihre LED Sensoren fröhlich blinken. Nach fünf Minuten ließ das Hirn des Zuges die Passagiere gnädig einsteigen und der Großstadtwanderer vermisste sofort die gewohnt zerschlissene Atmosphäre. Doch nicht kaputte Sitze sind ja auch mal ganz angenehm und das Fehlen jenes latenten Geruchs nach etwas älterem Käse muss ja nicht gleich als Qualitätsminderung betrachtet werden.

Digital und natural

Ja, und dann gabs da dieses Klo. Nun mag ein solcher Ort nicht unbedingt eine schöne Ecke sein. In diesem Fall aber lag bezüglich jeglicher Donnerbalkenassoziation eine komplette Verneinung vor. Als der Großstadtwanderer nämlich jenes Örtchen betrat, glaubte er zunächst, die falsche Tür erwischt zu haben und versehentlich im technischen Herz des Zuges gelandet zu sein. Überall leuchteten zahlreiche grüne Sensoren, deren Bedeutungen dem technisch eher unerfahrenen Großstadtwanderer weitgehend verborgen blieben. In all dem durch blanke Spiegel noch multiplizierten Gefunkel fand er zunächst die dringend erforderliche Schüssel nicht und als er dann endlich drauf saß, ertönte aus dem Off eine weibliche Stimme, die ihm mitteilte, dass dieses WC zur Zeit nicht in Betrieb sei.

Big Sister is watching you, dachte erschrocken der Großstadtwanderer und sprang sofort kerzengerade in die Höhe. Auf der Stelle ging die Spülung wie ein größerer Springbrunnen los, obwohl Big Sister schon wieder was von nicht in Betrieb faselte.Dann erzählte sie ihm, er solle aufhören zu rauchen sonst werde die Sprenkleranlage eingeschaltet.

Nun, er war zwar nicht am Rauchen, aber vielleicht hatte Big Sister ja seine Knoblauchfahne als Qualm definiert. Voller Panik entschloss er sich daher, zur sofortigen Flucht. Doch als er die Tür packte um sie zu öffnen, sagte Big Sister geduldig und nachsichtig: „Dieses WC ist zur Zeit nicht in Betrieb“. Da half kein heftiges Rütteln und Schütteln, denn der digitale Riegel war ebenso wenig bereit, die Tür frei zu geben, wie sein manueller Kollege.

Gefangen in einem Kerker mit Klo und umgeben von der neuesten Technik, die gnadenlos jegliches Entkommen verweigerte. In dieser fast ausweglosen Situation fing der Großstadtwanderer an zu fantasieren, vom guten alten Locus ohne Big Sister Effekt. Wie zu Hause bei Albrecht Dürer, wo das Klo im Schrank war und der stand in der Küche. Oder die tatsächlich so genannten Kackstühle der Renaissence Fürsten, die sie überall hinstellen konnten, sogar ins Schlafzimmer – natürlich hinter einen Bretterverschlag. Diese beiden Varianten mögen zwar nicht so gut gerochen haben, aber die Türen gingen immer auf.

Auch die geselligen WCs der alten Römer kamen dem im Klokerker schmachtenden Großstadtwanderer vor wie das verheißene Paradies. Dort wäre er nicht einsam und allein gewesen, sondern hätte gemeinsam mit anderen Männern nicht nur die Notdurft verrichtet, sondern gleichzeitig auch noch über Geschäfte geplaudert. Heutzutage würde man so was rationelles Zeitmanagement nennen. Er hingegen musste seine wertvolle Zeit allein im Klo vergeuden und wusste noch nicht mal, ob ihn die digitale Dame noch vor Cottbus wieder raus lassen würde.

Als dann urplötzlich die Tür aufging, hätte der Großstadtwanderer diese Chance beinahe verpennt. Dann aber war er wie der Blitz draußen und hätte fast eine jüngere Frau umgerannt, die offenbar gerade rein wollte. Selbstverständlich warnte er sie vor dem Betreten des unheimlichen WC und sie – eindeutig mit weiblicher Vernunft ausgestattet – schien von ihrem Vorhaben auch Abstand nehmen zu wollen. Aber sie hatte einen Mann dabei und der war nicht vernünftig, sondern ein echter Held. Todesmutig ging er durch die immer noch offene Klotür, welche sofort zu ging, während Big Sister ihren bekannten Spruch servierte.

Keine Angst, er wurde auch wieder befreit – sogar noch vor Cottbus. Doch er schwor kurz darauf, nie wieder aufs Klo zu gehen.

Übrigens: Dies ist eine kleine Story, die ich kurz vorm Untergang von blog.de an dieses neue Ufer retten konnte…

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6 Gedanken zu “Schmachtend im Klokerker oder Big Sister und die gute alte Zeit

  1. Na prima, aber hast du oder hast du jetzt nicht deine Notdurft noch verrichtet?

    Mich hatte man in der Nachkriegszeit als Flüchtlingskind mal auf dem Plumpsklo im Gartengeräteverschlag eingesperrt. Wär ja nicht so schlimm gewesen, Kinder, ich war damals 5 Jahre alt, sind da ziemlich schmerzlos und langweilen sich nie, aber … es lag Eis und Schnee vor der Tür und es fror Stein und Bein im Harz damals.

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    • die anfangs gestellte frage kann ich weder dir noch konnte ich sie mir beantworten. entweder hatte ich ehe big sister sich warnend einschaltete die schüssel meinerseits noch gewässert oder der schreck hatte dafür gesorgt, dass ich nicht mehr musste. in die hosen gings jedenfalls nicht…

      ja – und die donnerbalkenidylle des harzes in längst vergangenen zeiten kenn ich selber auch ganz gut. an wintertagen, die damals noch wirklich so genannt werden durften, sorgte die nutzung solcher anlagen für krasse erfahrungen…

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