Reise nach Kroatien um in Trogir einen Gott zu besuchen

Auf seinen Kroatien Reisen kann der Großstadtwanderer an Trogir niemals vorbei gehen. Diese uralte Seefahrerstadt ist immer wieder sein ganz spezielles Ziel an der traumhaften Küste Dalmatiens und die geheimnisvolle Besucherin ist dem Zauber des Ortes inzwischen ebenfalls erlegen.

Blumen an der Treppe in Trogir

Der Weg in die Altstadt von Trogir

Vom betriebsamen Busbahnhof aus dauert der Fußweg über die kleine Brücke nur wenige Minuten und führt direkt in die Altstadt von Trogir. Als Gesamtensemble bekam sie 1998 von der UNESCO den Titel „Weltkulturerbe“ verliehen. Natürlich können auch andere Städte Kroatiens das gleiche Prädikat präsentieren. Doch Trogir ist eine besondere Perle an der Küste Dalmatiens, denn hier mischen sich verschiedene Stilepochen in nie gekannter Harmonie. Außerdem ist hier der gute alte Kairos zu Hause, jener berühmte Gott des flüchtigen Augenblicks.

Museum und Notebook

Der erste Eindruck ist irgendwie verwirrend – als wäre man ohne zu bezahlen in einem Freilichtmuseum gelandet. Auch die zahlreichen Touristengruppen in den engen Gassen passen hervorragend zu diesem Bild. Doch dann ist da plötzlich ein lichtdurchfluteter Hof mit einer Freitreppe, auf deren Stufen Blumenkübel stehen. Und oben auf dem Podest thront ein hölzerner Hocker und auf diesem ein leibhaftiges Notebook. Den Blick zum Himmel erhebend wird auch noch eine Wäscheleine sichtbar, die sich kühn durch die Lüfte schwingt. Sie ist aus Plastik, genau wie die Klammern, an denen etliche Kleidungsstücke zappeln.

Ein Bild, vertraut und bekannt aus zahlreichen mediterranen Städten. Und ein deutliches Zeichen, dass hier nicht nur das Alte für die Besucher konserviert wird. Hier sind nach wie vor Menschen zu Hause, leben und arbeiten hier, verbringen hier ihren Alltag – wie seit 2300 Jahren…

Das griechische Tragurion

Natürlich waren es mal wieder – wie so oft im Mittelmeerraum – die alten Griechen, denen die Gründung Trogirs unter dem Namen Tragurion nachgesagt wird. Zumindest waren sie für die heutige Insellage der Altstadt verantwortlich. Sie buddelten nämlich die einstige Landverbindung weg, schufen auf diese Weise den heute noch bestehenden Kanal und machten es Angreifern damit etwas schwerer, die Stadt zu erobern. Das war übrigens auch noch ein Segen in späteren Zeiten, denn Appetit auf den Leckerbissen an der Adria hatten im Laufe der Geschichte alle möglichen eroberungswütigen Heere und Horden.

Der ewig junge Kairos

Die Zeit der alten Griechen ist lange vorbei. Doch sie haben nicht nur jenen Kanal hinterlassen, den heutige Besucher per Brücke vom Busbahnhof aus überqueren können. Im Museum des Benediktinerinnenklosters Sveti Nikola wartet einer ihrer faszinierendsten Götter auf alle, die ihm auch heute noch huldigen wollen. Und das hat er verdient wie diese ganze zauberhafte Stadt. Sein Name ist Kairos.

Irgendwie sieht er aus wie ein geflügelter Punk – mit diesem kahlen Schädel, den nur ein einziger aufmüpfiger Haarschopf ziert. Unwillkürlich will man denselben packen – und das ist auch der Sinn dieses Gottes. Er ist zuständig für den flüchtigen Augenblick, für die günstige Gelegenheit, die auch Menschen der Gegenwart unbedingt beim Schopf packen sollten, wie ein heutiges Sprichwort noch immer sagt. Wer es versäumt, geht leer aus, denn Kairos, der geflügelte Punk aus der Antike, verweilt nicht, ist ein Ruheloser, der immer gleich weiter muss.

Aber hier im Benediktinerinnenkloster von Trogir steht er in Stein gebannt und kann nicht fliehen. Doch es ist nicht das Original, nur eine Kopie – allerdings ebenfalls aus der hellenistischen Epoche. Das ursprüngliche Bronzerelief, geschaffen von Lysippos für den Tempel von Sikyon während der Zeit Alexanders des Großen, ist längst entschwunden – wie es sich für den Gott des flüchtigen Augenblicks eben gehört.

Schattige Gassen, lichtdurchflutete Höfe

Da der Kairos von Trogir nicht fliehen kann, könnte aus dem günstigen Augenblick eine glückliche Zeitspanne werden – zumindest für die Dauer des Besuchs in dieser Perle Dalmatiens. Da lässt sich wie kaum an einem anderen Ort der Welt mediterrane Atmosphäre tanken und gleichzeitig jede Menge Kunst und Kultur von Romanik über Gotik und Renaissance bis Barock genießen. Nicht nur in den Museen dieser Stadt, sondern vor allem in den schattigen Gassen und lichtdurchfluteten Höfen.

Hier sind fast alle Kirchen, Palazzi und Bürgerhäuser wahre Sternstunden der Architektur. So ist es ein schwieriges Unterfangen, in dieser besonderen Stadt noch das Einmalige zu entdecken, weil hier jedes Gebäude den Blick fangen und festhalten will. Vielleicht die Kathedrale Sveti Lovro auf dem Hauptplatz. Vierhundert Jahre wurde an ihr gebaut – von etwa 1200 bis 1605. Sie harmonisiert Romanik, Gotik und Renaissance in nie gekannter Vollendung. Hier scheinen viele Generationen von Baumeistern über den Abgrund der Zeit hinweg Hand in Hand gearbeitet zu haben ohne einen einzigen Stilbruch zu hinterlassen.

Aber ist es fair, nur sie zu erwähnen, wo selbst Cafes, Kneipen und Restaurants in kunstvollen historischen Gemäuern und Gärten untergebracht sind? Da fällt es auch dem passioniertesten Gourmet manchmal etwas schwer, den Blick von den altehrwürdigen Mauern zu wenden, um sich dem Essen zu widmen. Doch nach dem ersten Bissen gewinnen die Köstlichkeiten der dalmatinischen Küche für die nächsten zwei Stunden das Rennen gegen steinerne Monumente. Vor allem dieser Fisch, nur mit Kräutern der Region gewürzt, ist selbst ein Kunstwerk, wenn auch ein vergängliches, das mit jedem Bissen entschwindet. Was ja wieder passen würde in der Stadt des Kairos.

Trogir Gastronomie in alten Mauern

Silvanus, der Gott aus den Wald

Nach köstlich beschaulichem Mal und trockenem dalmatinischen Rotwein ein beschwingter Verdauungsspaziergang, um sich vom Flair dieser geschichtsträchtigen Gassen noch ein bisschen mehr verzaubern zu lassen. Zwischendurch ein Besuch im Stadtmuseum, wo mit dem uralten, einst  etruskischen Wald- und Hirtengott Silvanus ein weiteres Relief aus der Antike auf Besucher wartet. Dann einfach mal hinüber gehen auf die Seeseite der Stadt. Dort kann man auf einem dieser Steinsessel in der Nähe des Hafentores Platz nehmen wie die geheimnisvolle Besucherin. Das Eis schmeckt ihr offensichtlich sehr gut. Doch sie scheint auch auf irgend etwas zu warten. Worauf nur? Etwa auf den günstigen Augenblick um den Kairos zu schnappen? Ach wo, sie wartet wie üblich auf diesen Großstadtwanderer, Der ist nämlich schon wieder losgezogen um noch ein bisschen in den alten Gassen herumzuschnüffeln. Manchmal hat er verdammt viel Ähnlichkeit mit diesem komischen Gott aus längst vergangenen Zeiten.

Kleine Pause am Kai von TrogirUnterwegs in Trogir

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