Spitzenhotels gut eingestellt auf Gäste mit Behinderung – allerdings mit Rollstuhl Fokussierung

Aus einer vom Marktforschungsinstitut GfK durchgeführten Studie geht hervor, dass in Europa circa 140 Millionen Menschen mit konkreten Anforderungen an Barrierefreiheit leben, von denen in 2012 mindestens die Hälfte auch innerhalb Europas auf Reisen ging. Allein die Menschen mit Behinderungen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren unternehmen jährlich etwa 340 Millionen Tagesreisen und Reisen mit Übernachtung, mit leicht steigender Tendenz. Unter der Voraussetzung, dass die Reiseangebote flächendeckend barrierefrei gestaltet sind, könnte laut Studie in den kommenden Jahren eine zusätzliche Nachfrage von etwa 280.000 Reisen in Europa generiert werden.Wesentlich ist hierbei auch die Möglichkeit, individuell und außerhalb der Spezialangebote zu reisen.

Als Zielgruppe entdeckt – aber voll auf den Rollstuhl fokussiert

Kein Zweifel, die Behinderten sind längst als attraktive Zielgruppe der Touristikbranche entdeckt worden. Allerdings spielen die speziellen Bedürfnisse von Reisenden mit Seheinschränkung in der Diskussion um barrierefreies Reisen zunächst nicht die allergrößte Rolle. Es tritt sogar häufig die komische Situation ein, dass bei telefonischer Zimmeranfrage trotz des Hinweises auf Sehbehinderung häufig erklärt wird, dass es mit den Rollstuhl etwas schwierig werden könnte. Die Rollstuhlfokussierung bleibt oft sogar bestehen wenn man mitteilt, dass man Bergsteiger sei und lediglich jemanden bräuchte, der einem das Zimmer zeigt. Letzteres wird meistens gern zugesagt – aber zum Schluss kommt immer noch mal der Hinweis auf den Rollstuhl, der nicht in den Aufzug passt, obwohl man einen solchen keineswegs dabei hat, sondern höchstens einen Blindenstock.

Problemlos im deutschen Spitzensegment

Miranda Maier, Pressesprecherin des mit viereinhalb Sternen versehenen Estrel Berlin, bestätigt teilweise diesen Eindruck. Der Rollstuhl stünde als sichtbares Zeichen für Behinderung sehr stark im Vordergrund. Blindenstock oder -abzeichen würden in der Öffentlichkeit eher weniger deutlich wahrgenommen. Das gelte jedoch nicht so sehr für deutsche Spitzenhotels. Diese verfügten über genügend bestens geschultes Personal, das jederzeit in der Lage sei, sich auf die Belange von blinden und sehbehinderten Touristen einzustellen.

Im Estrel sei es selbstverständlich, solche Gäste, die übrigens auch den Führhund mitbringen können, bei Ankunft aufs Zimmer zu begleiten und sie dort auch, beispielsweise zum Frühstück, abzuholen. Außerdem werde blinden Menschen auf Wunsch das Zimmer in allen Einzelheiten erklärt. Miranda Maier räumte allerdings ein, dass der Punkt kontrastierende Gestaltung im Estrel bislang nicht Thema gewesen sei.

Auch das fünfsternige InterContinental in Frankfurt a. M. beschäftigt ein ganzes Heer höchst professioneller dienstbarer Geister, die im Lobby- und Restaurantbereich offenbar überall positioniert sind, um Hilfe anzubieten. Das geschieht unauffällig und höflich und bezieht sich auf alle Gäste. Daher hat man als Sehbehinderter nicht den Eindruck, eine Ausnahmeerscheinung zu sein, was sehr angenehm ist. Man ist Gast unter Gästen und bekommt die Spitzenbetreuung mit Berücksichtigung individueller Sonderwünsche, die man von einem Spitzenhotel erwartet. Auch der Assistenzhund ist willkommen.

Blindheit oder Sehbehinderung sind also kein Hindernis für den Besuch in solchen Hotels. Der Geldbeutel jedoch schon, denn die Preise passen nicht gerade zum Blindengeld. So kostet im Estrel ein Standardzimmer bei Doppelbelegung 170.00 bis 370.00 Euro pro Nacht und das geht hoch bis 1950.00 Euro für die Präsidentensuite. Das sind also Kosten, die kaum mit Hilfe des Blindengeldes finanzierbar sind.

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